Rudolf Hess

Rudolf Heß: “Stünde ich wieder am Anfang, würde ich wieder handeln wie ich handelte!”

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Zum Todestag von Rudolf Hess – Auch in Deutschland werden sich noch Leser daran erinnern, dass Rudolf Heß, der seinerzeitige Stellvertreter des Führers der NSDAP, im Mai 1941 einen abenteuerlichen Flug nach Schottland unternahm, daraufhin seitens der deutschen, wie auch der britischen Führung als geistig verwirrt bezeichnet wurde und nach dem großen Nürnberger Prozess bis an sein Lebensende im Spandauer Gefängnis inhaftiert war.

Als Rudolf Heß am 17. August 1987 im Alter von 93 Jahren unter mysteriösen Umständen im alliierten Isolationsgefängnis BERLIN-SPANDAU verstarb, waren sich Ärzte, Juristen und Historiker einig:

HESS WURDE VOM BRITISCHEN GEHEIMDIENST ERMORDET, WEIL DER SOWJETISCHE STAATSPRÄSIDENT GORBATSCHOW SEINE FREILASSUNG VERANLASSEN WOLLTE, WAS DIE BRITISCHE REGIERUNG UNBEDINGT VERHINDERN MUSSTE . . .

Im Schicksal von Rudolf Heß spiegelt sich das Schicksal unseres Volkes wider. Sein Einsatz zur Rettung des Friedens musste scheitern, weil die Feinde unseres Volkes keinen Frieden, sondern die Zerstörung der europäischen Mitte anstrebten. Seinem Flug im Mai 1941 folgte sechs Wochen später der deutsche Präventivschlag gegen die Sowjetunion.

Die Schlußworte von Rudolf Heß vor dem NÜRNBERGER TRIBUNAL geben Aufschluß über die unsterbliche Größe dieses Mannes:

„ . . .Stünde ich wieder am Anfang, würde ich wieder handeln wie ich handelte, auch wenn ich wüßte, dass am Ende ein Scheiterhaufen für meinen Flammentod brennt. Gleichgültig was Menschen tun, der-einst stehe ich vor dem Richterstuhl des Ewigen, ihm werde ich mich verantworten, und ich weiß: ER SPRICHT MICH FREI! . . .”

Rudolf Hess – Mord verjährt nicht! Ein Beitrag von mein-hh.info aus dem Jahr 2013.

Im Jahr 1987 waren die Russen endlich bereit, den letzten Gefangenen des alliierten Kriegsverbrechergefängnisses in Berlin-Spandau in die Freiheit zu entlassen. Die Perestroika unter Gorbatschow hatte die starre Haltung der Sowjetunion aufgelöst. Nun drohte sie auch die bis dahin verbreitete Geschichtsschreibung der Sieger zu aufzulösen. Doch bevor Rudolf Heß nach 46 Jahren Kerkerhaft entlassen werden und sein Wissen preisgeben konnte, wurde er am 17.8.1987 in Spandau ermordet.

Die Akten über den Fall Heß, die möglicherweise auch die Rolle Englands bei der Fortführung des Zweiten Weltkrieges nach 1941 in einem anderen Licht erscheinen lassen würden, befinden sich bis heute unter strikter Geheimhaltung der britischen Regierung. Doch Mord verjährt bekanntlich nicht und es gibt keinen Zweifel daran, daß der Mann, der ein halbes Menschenalter lang in unmenschlicher Folterhaft gehalten wurde, am Ende gewaltsam daran gehindert werden sollte, die letzten Tage seines Lebens in Freiheit bei seiner Familie zu verbringen.

Sein Pfleger, der Tunesier Abdallah Melaouhi, erinnert sich an den 17.8.1987, den schrecklichsten Tag seines Lebens: Der 17.8.1987 − der schrecklichste Tag in meinem Leben

„Bevor ich den 17.8.1987 schildere, möchte ich darauf hinweisen, daß alles, was ich hier schreibe, auf eigenen, persönlichen Erlebnissen beruht, und daß mich niemand gezwungen hat, dies zu schreiben. Nicht weniger wichtig ist es mir zu betonen, daß mich niemand dabei beeinflusst hat. Das Motiv, das mich leitet, ist meine Überzeugung, daß Heß ermordet wurde, und daß die Täter und Anstifter vor ein ordentliches Gericht gehören. Ich glaube auch, daß die Menschen ein Recht darauf haben zu erfahren, was an diesem Tag wirklich passierte. Jetzt fühle ich mich noch so rüstig, ein letztes Mal den Versuch zu unternehmen, die scheinbar undurchdringliche Mauer des Verschweigens und Verdrängens zu durchstoßen.

Am Todestag von Rudolf Heß, dem 17.8.187, begann ich meinen Dienst wie gewöhnlich um 6:45 Uhr. Der britische Oberaufseher Bosworth schloß mir den Zellentrakt auf. Ich half zunächst dem gebrechlichen Patienten beim Duschen und Ankleiden, sah dabei zu, wie er sich etwa 15 Minuten mit einem elektrischen Rasierapparat rasierte, nahm die üblichen medizinischen Untersuchungen sowie die Ausgabe von Medikamenten vor und war dabei, als Heß ein kleines Frühstück zu sich nahm.

Er schlief wie gewöhnlich etwa 15 bis 20 Minuten, las dann und gegen 10:30 Uhr nahm er das Mittagsmahl ein. Zuvor war der britische Oberaufseher gemäß dem Wachregiment gegen 7:45 Uhr von dem jungen französischen Oberaufseher Jean-Pierre Audoin abgelöst worden. In den Zellen tat der britische Wärter Bernard Miller Dienst. Am Eingang saß der dunkelhäutige Amerikaner Anthony (Tony) Jordan. Zu diesem Zeitpunkt gab es absolut keinen Hinweis darauf, daß der Geisteszustand meines Patienten gestört, eine Veränderung zu bemerken war oder daß Heß übermäßig deprimiert gewirkt hätte. Bevor er das Mittagessen zu sich nahm, gab Heß beim Tageschefwächter eine Bestellung auf, die ins Gefängnistagebuch eingetragen wurde. Dort war vermerkt: „Der Gefangene teilt mir mit, daß er 1 Blatt für die wöchentliche Bestellung haben möchte + 30 Packungen Papiertücher + 3 Rollen Toilettenpapier + 1 Blatt zum Schreiben an seine Familie + 1 Lineal.”

Kurz nach der Mahlzeit bat mich Heß, ihm in einem Spandauer Kaufhaus einen Keramiktopf als Ersatz für ein schadhaftes Gefäß zu kaufen, in dem Heß mit einem Tauchsieder das Wasser für eine Tasse Tee erwärmte. Hätte er diesen Wunsch wirklich geäußert, wenn er sich innerlich bereits mit den Vorbereitungen seines Selbstmordes beschäftigt hätte? Wäre er so kaltblütig gewesen, ein letztes und eigentlich unnötiges Ablenkungsmanöver zu initiieren?

Es könnte an dieser Stelle der Einwand geäußert werden, Heß habe um diesen Gefallen gebeten, um mich für einige Zeit aus seiner Umgebung wegzulocken, um sein Vorhaben, seinen Freitod, in Ruhe umsetzen zu können. Dem muß entgegnet werden, daß Heß zahlreiche Möglichkeiten besaß, in einem unbeobachteten Augenblick ein solches Vorhaben in die Tat umzusetzen. Das war im Zellenbereich sogar erheblich einfacher, als im Gartenhaus. Er war dort weniger streng beaufsichtigt, da die Wärter im Gefängnis anders als im Garten durch Langeweile oftmals ermüdet und unaufmerksam waren; manche haben auch getrunken und schliefen dann ein. Heß machte sich des öfteren einen Spaß daraus, die Wächter zu wecken und an ihre Pflichten zu gemahnen. Kabel zu Selbststrangulation hingen in mehreren Räumen. In seinem eigenen Zimmer hätte er sich an einem mehrere Meter langen Kabel seiner Nachttischlampe sowie am Kabel eines Tauchsieders erhängen können. Im Fernsehraum stand ihm ebenfalls ein längeres Kabel zur Verfügung, das gleiche galt für den Waschraum.

Das Verhältnis, das zwischen mir und Rudolf Heß bestand, war nach den fünf gemeinsamen Jahren mittlerweile so gefestigt und von zwischenmenschlichem Vertrauen zueinander geprägt, daß er mir auch seine Todessehnsucht, hätte es denn eine solche gegeben, mitgeteilt hätte. Er wußte nämlich, daß ich in seinem Alter auch dafür Verständnis gezeigt hätte. Selbstverständlich hätte ich versucht, ihn von einem solchen Vorhaben abzubringen. Selbstverständlich hätte ich niemals irgendeine Art aktiver Sterbehilfe leisten können und wollen. Wären aber alle meine Versuche gescheitert, ihn von der Notwendigkeit des Weiterlebens um jeden Preis zu überzeugen, dann hätte ich stumm und traurig und mit Tränen in den Augen mit dem Kopf genickt und ihn in den Arm genommen, um ihm zu verstehen zu geben, daß ich verstanden und akzeptiert hätte. (…)

Wie dem auch sei: ich versprach Heß, in der Mittagspause den Topf zu besorgen. Gegen 11:00 Uhr betrat der französische Oberaufseher Boulanger den Zellentrakt. Wenige Minuten später verließ ich gemeinsam mit ihm diesen Bereich. Nach dem Mittagsessen kaufte ich in einem Spandauer Kaufhaus den gewünschten Topf. Danach ging ich zurück in meine Wohnung, die zwar außerhalb des Gefängnisses, aber keine 30 m vom Haupttor entfernt war. Dort ruhte ich mich etwas aus.

Gegen 14:00 Uhr klingelte das Telefon. Ich nahm den Hörer ab und hörte am anderen Ende den französischen Tageschefwächter Jean-Pierre Audoin mit sich vor Aufregung überschlagender Stimme rufen: „Komm, komm, verdammt nochmal, schnell. Heß wurde ermordet, nein, nicht ermordet!”. Er hatte sich zwar korrigiert, aber in der ersten Erregung hatte er eindeutig gesagt, daß Heß ermordet worden sei. Er klang nicht nur aufgeregt, er hörte sich geradezu hysterisch an. Ich war so aufgeregt, daß ich in meine Schuhe sprang und vergaß, die Schnürsenkel zu binden.

Es dauerte sicherlich keine zwei Minuten, da stand ich vor dem Stahltor des Gefängnisses. Ich klingelte circa 20 Minuten, ohne daß irgendjemand aufgemacht oder mich gar hereingelassen hätte. Schließlich erbarmte sich der britische Wärter Bernard Miller, öffnete eine auf Augenhöhe befindliche kleine Klappe und tat so, als ob ich gar nicht existiere. Er schloß das kleine Fenster einfach wieder. Überrascht und verzweifelt klingelte ich immer wieder. Wieder vergingen einige Minuten, die mir wie eine kleine Ewigkeit vorkamen. Plötzlich öffnete er erneut das kleine Fenster, sah mich vor der Tür stehen und sagte: „Herr Melaouhi, es ist alles vorbei. Sie können nach Hause gehen”.

Das war das letzte, was ich wollte. Ich drängte nun lautstark darauf, unbedingt zu meinem Patienten durchgelassen zu werden. Miller aber lehnte es kategorisch ab, das Tor zu öffnen. Ich weiß nicht, was ihn schließlich doch bewog nachzugeben. Konnte er mein Rufen und Gestikulieren nicht mehr ertragen, hatte er Mitleid mit mir oder hatte er einfach keine eindeutigen Befehle erhalten. Oder er war der Auffassung, daß inzwischen so viel Zeit verstrichen war, daß auch mein Erscheinen nichts mehr rückgängig machen konnte. Er öffnete die Tür und ließ mich durchgehen.

Weit kam ich nicht, denn circa zwei Meter hinter dem Tor wartete auf mich ein amerikanischer Soldat mit angelegtem Gewehr, der mehrmals drohend sagte: „No, nikt rein!”. Trotz oder sogar wegen der Aufregung ging ich auf den Soldaten zu, drückte sein auf mein Gesicht angelegtes Gewehr zur Seite, wobei es zu einer handgreiflichen und lautstarken Auseinandersetzung kam, als plötzlich ein mir bekannter amerikanischer Offizier herankam, der auch mich wiedererkannte. Dieser befahl dem Soldaten, mich passieren zu lassen.

Bernard Miller, der britische Türwächter, der die Schlüsselgewalt auch über den Zellentrakt des Gefängnisses hatte, weigerte sich indessen erneut und standhaft, mir die vordere Tür des Gefängnistraktes aufzuschließen. Durch diese Tür hätte ich in wenigen Metern den Garten erreichen können. An dieser Stelle aber ließ ich mich diesmal auf keine zeitraubenden Diskussionen und Bitten ein. Ich wußte, es würde zwar länger dauern, außen herumzulaufen, aber aufhalten konnte mich jetzt keiner mehr. So mußte ich also einen Umweg von circa 500 bis 600 Metern machen, indem ich um den ganzen Zellenblock herumlief, denn ich wußte, daß sich Heß für gewöhnlich um diese Zeit im Garten aufhielt. Endlich kam ich am Gartenhaus an. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut, aber ich schätze, daß es alles in allem circa 40 Minuten gedauert hat, bis ich endlich dort eintraf. Normalerweise wäre der Weg vom Haupttor zum Gartenhäuschen in etwa fünf Minuten ohne Hast zu bewältigen gewesen.

Als ich endlich atemlos die Gartenlaube erreichte, bot sich mir dort ein entsetzliches Bild: der runde Tisch, der Sessel, die Bank und eine Leselampe, die gesamte Möblierung des Raumes war umgeworfen worden. Die Strohmatte, die als Bodenbelag diente und die von mir tags zuvor gesäubert und gerichtet worden war, lag unordentlich herum. Obwohl die Stehlampe am Boden lag, erinnere ich mich klar und deutlich, daß das am Lampenkabel befestigte Verlängerungskabel sich noch in der Steckdose befand. Seltsam, denn mit diesem Verlängerungskabel soll sich Rudolf Heß nach den Angaben der Alliierten selbst erhängt haben. Das würde gleich drei Fragen aufwerfen:

Hat der Tote das Kabel danach wieder ordnungsgemäß an die Steckdose angeschlossen? Haben die Mörder das Kabel nach der Strangulierung wieder in die Steckdose zurückgesteckt? Oder hat der Tod von Rudolf Heß mit diesem Kabel überhaupt nichts zu tun? Es stellt sich im Nachherein außerdem die Frage, wie Heß den circa 3 m entfernt sitzenden Wächter abgelenkt haben will, daß dieser ihn so lange vernachlässigte, wie der Gefangene zur Ausübung seiner Tat benötigt haben würde. Die gleiche Zeit hätte auch der Turmwächter, der Heß ebenfalls beobachtete, solange er sich im Garten aufhielt, wegschauen müssen. Eine seltene, aber mögliche Koinzidenz.

Eigenartigerweise hing am Fenster aber noch ein Kabel von etwa 70 cm Länge, mit dem sich Rudolf Heß angeblich aufgehängt hat. Dies wäre allerdings technisch noch schwieriger, denn das tiefe Fenster war nur 65 bis 70 cm vom Fußboden entfernt. Es wäre fast unmöglich gewesen, sich daran aufzuhängen, selbst für einen völlig beweglichen und gesunden Menschen.

Als ich die Szenerie überblickt hatte, war mir sofort klar, hier hatte eine Art Kampf stattgefunden, hier hatte sich ein Mensch, der an zahlreichen Gebrechen litt und nur noch wenig Kraft hatte, in Todesangst unter Aufbietung der letzten Kräfte verzweifelt − und vergeblich − gewehrt. Gegen wen, habe ich im nächsten Augenblick gesehen. Das Opfer lag ungefähr in der Mitte des kleinen, etwa sechs bis sieben qm großen Raumes auf dem Rücken, die Beine von sich und die Hände über dem Kopf ausgestreckt. Leblos. Tot.

Am Fußende der Leiche stand der farbige amerikanische Wächter Tony Jordan. Er schien außer sich zu sein, wirkte überanstrengt und überfordert, war extrem nervös und schwitzte so stark, daß der Schweiß an seinem Gesicht herunterlief und sein Hemd völlig durchtränkt war. Außerdem hatte er gegen die Kleiderordnung verstoßen, denn er trug keine Krawatte. Dann bemerkte ich zwei weitere Personen neben Heß stehen. Ich hatte mich inzwischen über meinen Patienten gebeugt und sah von unten an den uniformierten Gestalten herauf. Die beiden blickten mich mit eisigen Blicken unverwandt an und schauten mehrmals mit fragenden Augen zu Jordan herüber; in ihren Augen vermeinte ich die Frage zu lesen: „Was macht der denn hier?”. Es handelte sich um einen großen und um einen kleinen Mann, beide steckten in amerikanischen Uniformen.

Doch waren es wirklich Amerikaner? Zum inneren Bereich des Gefängnisses hatten die uniformierten Soldaten der Wacheinheiten der vier Gewahrsamsmächte keinen Zugang. Es war den Soldaten sogar kategorisch verboten, sich dem Gefangenen zu nähern. Sie durften kein Wort mit ihm wechseln. Sie waren auf den Wachtürmen und an anderen „neuralgischen” Punkten des Gefängnisses postiert. Alle vier Gewahrsamsmächte legten großen Wert darauf, daß diese Soldaten nach außen hin stets korrekt gekleidet waren, ja daß sie sogar einen gewissen Schick in ihren Uniformen zur Schau trugen. Man wollte sich auf der einen Seite an Schneidigkeit gegenseitig übertreffen, auf der anderen Seite wohl auch den Deutschen ein Bild von Korrektheit und Adrettheit vermitteln. Das ist wohl bei allen Armeen der Welt so, vor allem wenn sich die Soldaten im Ausland präsentieren.

Es hätte aber sein können, daß Wachsoldaten an diesem besonderen Tag zu Hilfe gerufen worden wären, denn ein toter Rudolf Heß, der zudem Selbstmord begangen haben sollte, hätte schneller Hilfe bedurft. Hilfe, die einen einzelnen Tageswächter vielleicht überfordert haben würde, denn der 17.8.1987 war der erste echte Alarm, der sich in 40 Jahren in Spandau ereignete. Ein „Selbstmord” aus Unachtsamkeit hätte sich schnell zu einer weltweiten medialen Katastrophe ausweiten können.

Aber diese beiden Männer waren keine Amerikaner, zumindest keine amerikanischen Soldaten. Denn die amerikanischen Uniformen, die sie trugen, waren nicht vollständig und außerdem paßten sie nicht. Der größere der beiden Männer sah in der mit Mühe geschlossenen Uniform aus wie eine Wurst, deren Pelle jeden Augenblick zu platzen droht, so eingezwängt war er darin. Dem Kleinen waren selbst die Hosen zu kurz. Es hatte ganz den Anschein, als hätten sich die beiden kurz zuvor in aller Hast aus einem Uniformfundus bedienen müssen, um ihre illegale Anwesenheit im Gefängnisgarten zu kaschieren.

Das alles ging mir natürlich in Bruchteilen von Sekunden durch den Kopf. Ich kniete inzwischen neben Rudolf Heß, um Atmung, Puls oder Herzschlag feststellen zu können. Währenddessen fragte ich Jordan aufgeregt: „Was haben Sie mit ihm gemacht?”. Der antwortete in einer seltsamen Mischung aus Angst und Aufgebrachtheit, ja trotziger Erleichterung: „Der (!) Schwein ist erledigt. Sie brauchen keine Nachtschicht mehr zu arbeiten.” Wohlgemerkt: Erledigt. Nicht etwa: Das Schwein hat sich umgebracht. Diese Äußerung war so deutlich und erschreckend, daß sie mir heute noch in den Ohren gellt. In diesem Augenblick spürte ich Todesangst in mir aufsteigen. Ich sah wieder auf und in die kalten Augen der beiden unbekannten „Amerikaner”, denn ich hatte inzwischen längst bemerkt, daß mein Patient bereits tot war. Ich wußte inzwischen mehr als genau, wer Heß war, und ich hatte mit einem Blick gesehen, daß hier etwas Außergewöhnliches vorgefallen war. Instinktiv begriff ich, daß zumindest die Amerikaner und Briten im Bilde sein mußten.

Wenn es sich hier um ein Verbrechen handelte, dann war es sicherlich kein Totschlag eines überanstrengten oder hysterischen Wächters, sondern eine Aktion, die Rudolf Heß für immer zum Schweigen bringen sollte. Dies lag deswegen so nahe, da ich die letzten Jahre, am Ende als einzige Vertrauensperson, beobachtet hatte, wie stark der Wille bei dem Häftling ausgeprägt war, das Gefängnis noch lebend zu verlassen. Ich hatte aus seinem Munde erfahren, daß er nicht glaubte, „legal” entlassen zu werden, und daß er dies mit der Veröffentlichung seines letzten Geheimnisses in großen westdeutschen Tageszeitungen, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Welt bewerkstelligen wollte. (…)

Obwohl ich wußte, daß Heß bereits eine geraume Zeit tot gewesen sein mußte − ich schätzte, daß er zum Zeitpunkt meines Eintreffens in der Gartenlaube bereits circa 30 bis 40 Minuten tot war − tat ich aus Selbstschutz so, als würde ich ernsthafte Wiederbelebungsanstrengungen unternehmen wollen. Heß war kein normaler Gefangener. Er war zu einem Symbol geworden, und mit dieser Tat sogar zu einem „Märtyrer”. Davor war schon mehrere Jahre zuvor gewarnt worden, in vielen Artikeln und Büchern. Wenn also dennoch hier aus Staatsräson ein solcher Akt vollzogen worden war, dann würde es kein großes Problem sein, auch noch einen unbekannten Krankenpfleger, einen Tunesier, der leider zu aufdringlich war, ebenfalls geräuschlos zu entfernen.

Damit sich die drei nicht weiter mit den Augen oder sonstwie über ein mögliches Vorgehen gegen mich verständigen konnten, bat ich Jordan aufgeregt, sofort den Notfallkoffer aus meiner Ambulanz im Gefängnistrakt zu holen. Er verließ auch ohne weiteres Murren die Baracke. Um die beiden Unbekannten abzulenken bzw. ihnen das Gefühl zu vermitteln, ich sei völlig harmlos und hätte keine Vorstellung davon, was hier gerade passiert war, unternahm ich an der Leiche geschäftige Wiederbelebungsversuche. (…) Eine ganze Weile hatte ich mir mit der eher provisorischen Mund-zu-Mund-Beatmung und der Herzmassage beholfen und verzweifelt auf die Rückkehr von Jordan gewartet, als er plötzlich wieder neben mir stand. Mir fiel sofort auf, daß er seine lange Abwesenheit − ich schätze sie auf 15 bis 20 Minuten − dazu benutzt hatte, seine Kleidung zu wechseln.

In die Ausrüstung, die er mitbrachte, war ganz klar eingegriffen worden. Noch am Vormittag hatte ich den Notfallkoffer wie jeden Tag überprüft und durch eine Eintragung in mein Dienstbuch dessen Vollständigkeit und Unversehrtheit bestätigt. Jetzt war das Siegel am Notfallkoffer zerbrochen, und dessen Inhalt in Unordnung. Die Intubationsausrüstung hatte keine Batterie mehr, und das Rohr war durchlöchert. Aus der Sauerstoff-Flasche war der komplette Sauerstoff abgelassen worden. Wenn es eines weiteren Zeichens bedurft hätte, daß hier etwas nicht in Ordnung war, dann war mir ein solches hiermit unmißverständlich vorgelegt worden.

Inzwischen war es etwa 15:20 Uhr. Der Patient war nicht mehr wiederzubeleben, und ich befand mich mit den drei Männern, denen ich körperlich nicht gewachsen war, allein in der Baracke. Man kann sich vorstellen, wie erleichtert ich war, als in diesem Augenblick ein Krankenwagen des britischen Militärhospitals im Garten vorfuhr, die Tür aufgerissen wurde, und ein britischer Arzt und ein Krankenpfleger, die ich beide nicht kannte, ausstiegen und eine Herz-Lungen-Maschine in das Gartenhaus brachten. Ich versuchte, das Gerät zu betätigen, aber es funktionierte nicht. Auch das empfand ich als sehr merkwürdig, denn in meinem ganzen Leben als Notfall- und Intensivpfleger habe ich weder zuvor noch danach erlebt, daß sich in einem Notfallwagen eine funktionsuntüchtige Herz-Lungen-Maschine befand. (…) Um 16:10 Uhr wurde Rudolf Heß im Krankenhaus offiziell für tot erklärt.

Im Laufe des Abend und des nächsten Tages nahm ich im Radio und Fernsehen die verschiedenen, insgesamt vier unterschiedlichen Presseerklärungen der Alliierten zu den Todesumstanden von Rudolf Heß zur Kenntnis. Ich hörte in offiziellen Verlautbarungen, daß sich Rudolf Heß in seiner Zelle erhängt haben sollte, dann, daß er sich im Gartenhaus an einem Kabel erhängt habe, schließlich, daß er im britischen Militärkrankenhaus verstorben sei. Aber das stimmte ja alles nicht. Ich hatte doch gesehen, daß er im Gartenhaus lag und nicht im Zellentrakt, daß er kein Kabel um den Hals hatte, als ich eintraf und daß er, im britischen Militärkrankenhaus eingetroffen, seit über einer Stunde tot war. Was sollten diese Erklärungen bezwecken?

Langsam ging mir auf, daß sich Heß gar nicht selbst aufgehängt haben konnte. In den vergangenen fünf Jahren, in denen ich Rudolf Heß so gut wie täglich versorgte, hatte ich einen klaren und präzisen Eindruck von seiner physischen Verfassung und von seinen körperlichen Fähigkeiten gewonnen. Angesichts seiner körperlichen Verfassung war es unmöglich, daß Herr Heß in der später von den Alliierten bekanntgegebenen Weise Selbstmord begangen hatte, indem er sich ein Kabel um den Hals gelegt haben soll, dies verknotete und sich damit entweder erhängt oder erdrosselt hatte.

Mein Patient war am Ende seines Lebens so schwach, daß er einen Spezialstuhl mit einer elektrischen Hebevorrichtung benötigte, um überhaupt aufstehen zu können. Beim Gehen mußte er gestützt werden, da er im linken Oberschenkel Muskelschwund mit darauf resultierender Muskelschwäche hatte, weswegen er die Kniegelenke nicht mehr beherrschte. Er war auf einem Auge vollständig erblindet und verfügte auf dem anderen nur noch über 30% der Sehkraft. Wenn er zu Boden fiel, konnte er nicht alleine aufstehen. Seine Hände waren durch ausgeprägte Arthritis verkrüppelt. Er konnte nicht einmal einen Löffel aufheben, um zu essen; dieser wurde ihm von mir in die Hand gesteckt. Er hätte also niemals ein Seil oder ein Kabel knüpfen können, denn er konnte ja nicht einmal seine Schnürsenkel binden. Darüber hinaus konnte er seine Arme nicht über die Schultern heben. so daß er die Schnur niemals am Fensterhaken hätte anbringen können, an dem er sich angeblich aufgehängt haben soll.”

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