Heimat der Wikinger

Die Heimat der Wikinger

Es gibt unter den gelehrten Historikern und Sprachforschern keine Einigkeit über die genaue Herkunft des Begriffes „Wikinger“. Ich begnüge mich hier mit einer Definition, die mir sinnvoll erscheint, ohne mich auf linguistische Feinheiten einzulassen. Als Wikinger bezeichnen wir demnach jenen Teil der mittelalterlichen nordischen Bevölkerung, die auf „Viking“ (= Raub-/Eroberungsfahrt) unterwegs waren. Das Wort ist nicht an die Nationalität oder Herkunft gebunden, sondern an die aktuelle Tätigkeit; eben auf einem Schiff unterwegs sein in der Hoffnung, Beute oder neuen Lebensraum zu finden. Es waren also keine dumpfen, Met-saufenden und Hörnerhelm-tragenden Kerle, sondern tapfere, oft auch verzweifelte Abenteurer, die ihr Leben und das ihrer Angehörigen zu verbessern trachteten oder Handelsobjekte oder neues Siedlungsgebiet suchten. Ein solcher „Viking“, eine Raubfahrt, war ein Unternehmen einer Familie, eines Clans oder gar eines Kleinkönigs, heute würde man sagen „ein Projekt“.

Die Wikinger brachen gegen Ende des achten Jahrhunderts aus ihren Siedlungsgebieten in Skandinavien aus und plünderten vorerst einmal reiche Niederlassungen ihrer Nachbarländer. Da zu jenen Zeiten vor allem Klöster sowohl reich als auch ziemlich ungeschützt waren, boten sie sich zum Beginn als leichte Beute an. Schon bald aber raubten die Wikinger nicht nur, sondern sie siedelten sich in den Zielgebieten auch definitiv an. Dies vor allem deshalb, weil die klimatischen Bedingungen auf den Inseln näher am Golfstrom wesentlich günstiger waren, als in ihrer angestammten Heimat. Dies gilt sowohl für die Shetland- und Orkney-Inseln, als auch die äusseren Hebriden und die Festlandküste von West-Schottland.

Das Volk der Wikinger war sowohl im angelsächsischen, als auch im skandinavischen Raum vertreten und pflegte seine weiten Reisen sogar bis in den Orient, nach Bagdad oder ins Baltikum sowie Russland auszuweiten. Der Hauptgrund der weitläufigen Reisen und Verbreitung der Wikinger war allem voran der Handel sowie selbstverständlich die Plünderungszüge, für welche die Wikinger nachhaltig so bekannt geworden sind.

Die norwegischen Wikinger reisten wegen der geographischen Ausrichtung ihres Heimatlandes hauptsächlich Richtung Großbritannien inklusive der schottischen Inseln, die schwedischen Wikinger, die historisch als Waräger bekannt sind, aus demselben Grund Richtung Osten: nach Russland, ins Baltikum, bis hinunter in die Türkei und nach Bagdad. Gründe, welche für die vorherrschende Armut im damaligen Skandinavien verantwortlich waren und die Fahrten veranlassten, waren das raue Klima, Überbevölkerung sowie schlechte Bodenverhältnisse.

Länder

Die ursprüngliche Heimat der Wikinger war der skandinavische Raum, doch auch hierbei ist das Herkunftsgebiet vor allem auf Norwegen und Schweden einzuschränken. Später wurde das Siedlungsgebiet der Wikinger im skandinavischen Raum auf das von norwegischen Wikingern besiedelte Island ausgeweitet. Ein besonders markanter Siedlungsort der Wikinger, an welchem auch die höchste Konzentration wikingerzeitlicher Runensteine zu finden ist, ist beispielsweise die schwedische Region Uppland.

Gesellschaft

Die Gesellschaft im wikingerzeitlichen Schweden und Norwegen war von einer Männerdominanz geprägt. Frauen werden in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts, also rund 100 Jahre nach offiziellem Beginn der Wikingerzeit, überhaupt erst erwähnt. Trotzdem spielten sie eine ebenso wichtige Rolle, da sie das heimische Gehöft samt Kinder und Vieh allein zu versorgen hatten. Eine hohe Kindersterblichkeitsrate erschwerte zudem eine soziale Absicherung, falls die Frau verwitwete.

Die Angelsachsen

Als Angelsachsen bezeichnen wir die Bewohner des alten, angelsächsischen England vom 5. bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts. Man verwendet den Begriff „Angelsachsen“ und „angelsächsisch“ verwirrenderweise auch heute noch für alles Englischsprachige, obschon die angelsächsische Welt am 16. Oktober 1066 abends definitiv untergegangen ist (s. Buch Kapitel 6).

In Grossbritannien finden sich menschliche Spuren die bis 30‘000 v.Chr. zurückreichen und aus der Zeit von 7‘000 bis ein paar hundert Jahre vor Christus sind die archäologischen Funde und Monumente der Vorfahren der „British People“ sogar recht zahlreich. Grossbritannien war ja bis ca. 7‘000 v.Chr. mit dem europäischen Festland verbunden, also eine Halbinsel. Somit konnten die Zuwanderer von Osten her zu Fuss oder auf den Flüssen per Fellboot „anreisen“. Die archäologischen Spuren über die frühen Briten sind zwar recht zahlreich, aber alte Knochen, schon längst erkaltete Herdfeuer, Spuren von Erdforts und auch riesige Steinmonumente sind eben doch stumm und erzählen uns wenig über das Leben der prähistorischen Briten. Heutige medienbewusste Archäologen erzählen uns zwar mit viel Phantasie, wie es gewesen sein könnte. Aber die in Stonehenge zu den Sonnenwenden herumtanzenden Pauschaltouristen und reisserische Geschichten um die Kalk-Monumente im Süden täuschen nicht darüber hinweg, dass wir von den Menschen dieser Zeit sehr wenig wissen.

Dies ändert sich erst nach der Invasion durch die Römer im Jahre 43 n.Chr., denn die Römer haben uns schriftliche Zeugnisse hinterlassen. Schon zur Zeit der römischen Besetzung, ca. ab 250 n.Chr., wanderten sächsische Stämme in den Süden der römischen Provinz Britannia ein und übernahmen später dort auch militärische Aufgaben. Die massive Einwanderung der Angeln (Heimat: heutiges Schleswig-Holstein), Sachsen (Heimat: heutiges Niedersachsen),  Jüten und Friesen erfolgte Mitte des 5. Jhdts., also kurz nach dem Abzug der Römer (ca. 410). Diese germanische Zuwanderung war eine Folge der Völkerwanderung, im Laufe derer diese germanischen Stämme nach Westen gedrängt wurden. Gründe und Ausmass der Auswanderung auf „Die Insel“ sind allerdings umstritten.
Die Einwanderer siedelten zuerst in bestimmten Gebieten (s. Karte), vermischten sich aber bald mit den romanisch-christlichen Bewohnern von Britannia und drängten gleichzeitig die Restbevölkerung an heidnischen Kelten nach Westen und Norden ab  –> Cornwall, Wales, Schottland.

In den nächsten fünf Jahrhunderten bildeten sich verschiedene angelsächsische Königreiche heraus, die ab dem 9. Jahrhundert durch die hereindrängenden Wikinger, vornehmlich Dänen, „verstärkt“ wurden. Auf der folgenden Karte habe ich die Grenzen der alten angelsächsischen Reiche bewusst nicht gezogen, weil diese im Laufe der Zeit immer wieder änderten und heute auch nicht mehr genau nachvollzogen werden können.
Die gemeinsame Geschichte der Angelsachsen und der Dänen dauerte in der Folge bis zur Schlacht bei Hastings. Durch den Sieg der Normannen wurden also die „alten Dänen“ durch deren Verwandte, die Normannen abgelöst. Letztere rekrutierten sich ja aus dänischen und norwegischen Wikingern.
–> Kapitel „Vor bei und nach Hastings“

Die Normannen

Normannen, wer waren sie?
Der Begriff „Normans“ – „Normannen“ kommt von „North-Men“, Männer aus dem Norden, denn wie wir gleich sehen werden kamen die Gründer der Normandie und der Kern der späteren Aristokratie des Herzogtums Normandie aus dem heutigen Norwegen und Dänemark. Normannen ist aber nicht das Synonym für Wikinger, wie man dies in einigen Publikationen sieht. „Wikinger“ umschreibt eine Tätigkeit, „Normanne“ ist eine Herkunftsbezeichnung.

Das kam so:

Im Jahre 911 stand ein fränkischer König, Karl III, „Der Einfältige“,  vor der Tatsache, dass die Gegend am Unterlauf der Seine seit einigen Jahren im Sommer immer wieder von einer Wikinger-Bande geplündert worden war. Der Anführer dieser Bande hiess „Hrolf the Ganger“, besser bekannt unter dem Namen „Rollo“, der wahrscheinlich Norweger war. Seine Wikinger-Bande setzte sich aus Norwegern und Dänen zusammen. In den ersten Jahren des zehnten Jahrhunderts kamen Rollo’s Wikinger jeden Sommer mit ihren Drachenschiffen angerauscht, verwüsteten die Gegend und stahlen alles, was nicht niet- und nagelfest war. Nach einigen Jahren erduldeter Verwüstung kam Karl auf den Gedanken, Rollo die Gegend um Rouen herum als Lehen anzubieten. Diese Idee war übrigens gar nicht so einfältig, Karl machte nämlich auch die Bedingung, dass Rollo und seine Kumpanen das Land inskünftig gegen neue Wikingerüberfälle verteidigen sollten. Ferner mussten er und seine Kumpane zum christlichen Glauben übertreten und als „Zugabe“ sollte/musste/durfte Rollo noch dazu die Tochter von Karl dem Einfältigen namens Gisela heiraten. Im Vertrag von Claire-sur-Epte wurde die Vereinbarung besiegelt. Rollo wandelte dieses Versprechen allerdings zu seinen eigenen Gunsten ab und holte weitere Wikingerfreunde ins Land, die mit ihm zusammen die Normandie aufbauten.

Innert drei Generationen hatten die Nordmänner ihr neues Land stark weiterentwickelt, vor allem zu Lasten der westlichen Nachbarn. Bald hatten die Neubesiedler sich durch Heirat und durch starke Herrschaft über die ursprüngliche Bevölkerung ein starkes Herzogtum geschaffen, die NORMANDIE.

Die Waräger

Als Waräger oder Rus bezeichnen wir jene nordischen Eroberer und Händler („schwedische Wikinger“), welche über die Ostsee hinaus zuerst im Osten neue Handelspartner suchten. Ihre Heimat waren die südlichen Küsten und Inseln in der Ostsee, also südöstliches Schweden, Öland, Gotland und Nebeninseln sowie Åland (heute finnisch).
Im Laufe mehrerer Generationen gelangten sie über die russischen Ströme Wolga und Dnjepr schliesslich südwärts bis nach Konstantinopel (heute Istanbul), der Hauptstadt des byzantinischen Reiches. Diese mittelalterliche Gross-Stadt und Handelszentrum nannten sie „Miklågard“. Auf ihrem Weg gründeten sie Ladoga, Novgorod (am Wolchow) und Kiew und bauten ihr Handelsnetz bis in den nahen und fernen Osten aus. So fanden sie beispielsweise in Bolgar, der uralten Handelsstadt am Knie der Wolga, Anschluss an die Seidenstrasse und damit an den Handel bis nach Asien.

„Waräger“ heissen sie deshalb, weil ab dem Ende des zehnten Jahrhunderts viele von ihnen Auskommen, Glück und Abenteuer in der berühmten „Warägergarde“ der byzantinischen Kaiser fanden. Der Name „Rus“, der später in Russland wieder auftaucht, ist hingegen eine geografische Bezeichnung für das Land der „Rus“, welches den nord-westlichen Teil von Russland mit Zentrum Waldaihöhen umfasste. Die Experten streiten sich allerdings ob der Begriff ursprünglich skandinavisch oder slawisch ist.