zwanzigstes Jahrhundert

Das 20. Jahrhundert in Island

 

Unionsvertrag und Ausrufung der Republik

Durch die Erfolge des Unabhängigkeitskampfes im 19. Jahrhundert konnte Island durch viel Verhandlungsgeschick zum 1. Februar 1904 die Selbstverwaltung und damit eine weitgehende Unabhängigkeit von Dänemark erreichen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erholte sich die isländische Wirtschaft. Der technische Fortschritt erreichte nun auch die Nordatlantikinsel. Durch den Telegraphen wurde eine Verbindung zum europäischen Festland eingerichtet und in Reykjavik wurde eine eigene Eisenbahn zum Bau des Hafens eingesetzt. Auch die ersten Autos erreichten die Insel. Zudem gab es Verbesserungen im Gesundheitswesen und die erste Universität Islands wurde im Jahre 1911 gegründet.

Trotz dieser Erfolge träumten die Isländer weiter von einer vollständigen Unabhängigkeit von Dänemark. Nach weiteren Verhandlungen mit dem Königreich wurde ein Unionsvertrag mit Wirkung zum 1. Dezember 1918 erarbeitet. Island sollte ein souveräner Staat werden, jedoch zunächst noch in Personalunion unter dänischer Flagge. Erst 1944 wurde bach 682 Jahren der Fremdherrschaft die letzte Stufe der Unabhängigkeitsbewegung vollendet und die Republik Island ausgerufen.

Der zweite Weltkrieg

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern blieb Island vom zweiten Weltkrieg weitgehend verschont. Doch kriegerische Auseinandersetzungen gab es natürlich auch hier. Schon vor 1939 zeigte das Deutsche Reich ein großes Interesse an der Insel im Nordatlantik. Doch der damalige isländische Ministerpräsident Hermann Jónasson wies viele Anfragen der übermächtigen Großmacht zurück. So sprach er beispielsweise ein generelles Landeverbot gegenüber der Deutschen Lufthansa aus. Doch in den ersten Monaten hatte der zweite Weltkrieg keine wesentlichen Auswirkungen auf Island.

Am 10. Mai 1940 landeten britische Truppen in Reykjavik. Trotz zahlreicher Proteste der isländischen Bevölkerung und des Ministerpräsidenten blieb das britische Militär im Land, errichtete Militärbasen und hatte bald die gesamte Insel unter Kontrolle. Zuvor hatten Hitlers Truppen Dänemark und Norwegen besetzt. Mit seiner Präsenz auf Island wollte Großbritannien einer deutschen Invasion zuvorzukommen. Schließlich war die Insel aufgrund ihrer strategisch günstigen Lage von großer Bedeutung. Die Briten versicherten dem kleinen Inselstaat, sich nicht in isländische Angelegenheiten einzumischen und das Land wieder zu verlassen, sobald es die kriegerischen Auseinandersetzungen zuließen.

Nachdem die Deutsche Wehrmacht auch Frankreich eingenommen hatte, war England die einzige Großmacht in Mitteleuropa, die in der Lage war, Deutschland Widerstand zu leisten. Um sich mehr auf die Verteidigung des eigenen Landes konzentrieren zu können, wurden die britischen Truppen im Sommer 1941 mit Zustimmung der Isländer von den USA abgelöst. Bedingung hierfür war, dass die Amerikaner nach Kriegsende ihr Militär wieder abziehen würden.

Während des Krieges gab es in isländischen Gewässern einige Gefechte, die auch Menschenleben forderten: Am 2. März 1940 wurde der Trawler Skutull von einem deutschen Flugzeug attackiert. Dies war der erste Angriff auf ein isländisches Schiff im zweiten Weltkrieg. Menschen wurden dabei nicht verletzt und auch das Schiff kam kaum zu Schaden. Anders war es beim isländischen Trawler Jón Ólafsson, der sich auf dem Weg von England nach Island befand. Das Schiff wurde am 22. Oktober 1942 zuletzt gesehen und verschwand am 23. Oktober gänzlich von der Bildfläche. Bis heute konnte das Schicksal der 13 Besatzungsmitglieder nicht geklärt werden. Vermutlich wurde das Schiff von einem U-Boot oder durch Minen versenkt.

Am 10. Februar 1944 griffen deutsche Truppen den Hafen von Seyðisfjörður an. Der britische Tanker El Grillo wurde am Bug von zwei Torpedos stark beschädigt. Das Schiff sank aber nicht sofort – es war noch Zeit einen Teil seiner Ladung zu löschen. El Grillo liegt noch heute in dem Fjord vor der ostisländischen Stadt. So gab es in isländischen Gewässern zahlreiche Angriffe auf Trawler und andere Schiffe, bei denen auch viele Zivilisten getötet wurden.

Insbesondere den zahlreichen isländischen Fischerbooten ist es zu verdanken, dass viele Menschen gerettet werden konnten. So zum Beispiel die 62 Besatzungsmitglieder des deutschen 9.000-Tonnen-Frachters Bahia Blanca, der zwischen Grönland und Island von einem Eisberg gerammt worden war. Die deutschen Seeleute wurden vom Trawler Hafsteinn ans isländische Festland gebracht.

Sowohl während der Besetzung Islands durch Großbritannien, als auch durch die Amerikaner vollzog sich ein enormer Wirtschaftsaufschwung, der die Strapazen der vorangegangenen Weltwirtschaftskrise vergessen ließ. Durch die Besetzung floss viel Geld in das Land und auch die Arbeitslosigkeit verschwand gänzlich, denn für das Militär mussten Gebäude und Baracken gebaut werden. Die Präsenz ausländischen Militärs kann also nicht wirklich als feindliche Besetzung des Landes gesehen werden.

Der Keflavík-Vertrag

Nach Kriegsende im Sommer 1945 hätte die US-Armee das Land eigentlich wieder verlassen müssen. Statt dessen ging im Oktober 1946 bei der isländischen Regierung ein Schreiben ein, in dem die USA um eine langfristige Militärbasis baten. Für einen Zeitraum von 99 Jahren wollten die Amerikaner Land pachten, um einen Stützpunkt in Keflavik oder anderswo auf der Insel zu unterhalten. Darauf folgten scharfe Proteste aus der Bevölkerung. Island war zuvor den Vereinten Nationen beigetreten und fühlte sich ausreichend geschützt. Der damalige isländische Ministerpräsident Ólafur Thors vereinbarte mit den USA, den Vertrag von 1941 aufzulösen. An seine Stelle trat ein neues Abkommen, in dem ein Abzug der amerikanischen Truppen innerhalb von 18 Monaten festgelegt wurde. Die Landebahn von Keflavík wurde an den isländischen Staat zurückgegeben. Doch erhielten die USA die Erlaubnis, den Flughafen solange zu nutzen, wie sie noch Truppen in Deutschland stationiert habe. Ab 1947 war Island wieder frei von ausländischen Militär.

Auf der politischen Bühne der Globalisierung

Die Präsenz ausländischen Militärs erfolgte am Ende der 40er Jahre unter neuen Bedingungen. Als Gründungsmitglied der NATO verpflichtete sich Island dazu, dem Verteidigungsbündnis einen Hafen und einen Flughafen zur Verfügung zu stellen, da das kleine Land selber über keine Streitkräfte verfügte. Im Gegenzug war Island durch die militärisch mächtigen Staaten der NATO, insbesondere den USA, im Verteidigungsfall geschützt. Die Mitgliedschaft in der NATO wurde von der isländischen Bevölkerung allerdings nur unter Protest hingenommen. Schließlich hatte sich das kleine Volk erst vor einigen Jahren die Unabhängigkeit erkämpft. Eine neue Abhängigkeit war nicht im Sinne der Mehrheit der Bevölkerung. Als permanente Präsenz der NATO wurden US-Einheiten in der Nähe von Keflavik stationiert.

Im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Mitgliedschaft in der NATO sowie die Präsenz der US-Streitkräfte auf Island jedoch zunehmend akzeptiert. Nicht zuletzt bedeutete die Gegenwart mehrerer Tausend Soldaten und ihre Infrastruktur auch zahlreiche Arbeitsplätze. Nach Ende des Kalten Krieges wurde die Bedeutung der Nordatlantikinsel für die NATO und die Amerikaner jedoch geringer, so dass die Truppenstärke immer weiter reduziert wurde. Im September 2006 verließen die letzten US-Streitkräfte die Insel. Jedoch bekennen sich die USA auch weiterhin zur Verteidigung Islands.

Die Globalisierung und die damit verbundene Internationalisierung einzelner Staaten machte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch vor den Grenzen der abgeschiedenen Nordatlantikinsel nicht Halt. So wurde Island Mitglied weiterer, meist wirtschaftlich orientierter Organisationen. Die Nation trat der Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC) bei, aus der im Jahre 1961 auf Vorschlag der USA die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervorging. Die Aufgabe der OECD ist bis heute die Förderung der Zusammenarbeit zwischen marktwirtschaftlich organisierten Industriestaaten.

Auch dem 1960 in Kraft getretenen Vertrag über die Europäische Freihandelszone (EFTA) trat Island bei. Die EFTA bildete ein Gegengewicht zu der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) bzw. später der Europäischen Gemeinschaft (EG). Heute hat die EFTA mit ihren vier relativ kleinen Mitgliedstaaten Island, Norwegen, Schweiz und Liechtenstein eine eher geringe Bedeutung in Europa.

Um die fischreichen Gewässer des Nordatlantiks besser für die eigene Fischereiwirtschaft zu nutzen, erweiterte Island in den 50er und 70er Jahren seine Fischereigrenzen schrittweise von drei auf 50 Seemeilen vor seiner Küste. Diese Ausdehnungen wurden von lautstarken Protesten der britischen Fischereiflotte begleitet, die ebenfalls in diesen Gewässern fischte. Nach einer Seerechtskonferenz der Vereinten Nationen im Jahre 1974, bei der sich viele Nationen für eine 200-Seemeilen-Zone aussprachen, dehnte Island seine Fischereigrenzen nochmals um 150 Seemeilen aus, woraufhin es wieder zu heftigen Streitigkeiten mit Großbritannien kam. Britische Trawler fischten weiterhin in isländischen Gewässern, weshalb sich die isländische Küstenwache einschaltete, die Netze kappte und den Schiffsbesatzungen große Probleme bereitete. Daraufhin begleitete die britische Marine die Fangschiffe ihrer Landsleute in die isländischen Gewässer. Nach einigen gewaltsamen Zusammenstößen beider Parteien brach die isländische Regierung die diplomatischen Beziehungen mit Großbritannien ab und rief ihren Botschafter aus London zurück. Diese Streitigkeiten konnten erst durch die NATO zugunsten Islands beigelegt werden, die befürchtete, die im kalten Krieg strategisch wichtig gelegene Nordatlantikinsel als Mitglied zu verlieren. Diese Konflikte in den 50er und 70er Jahren sind als die so genannten Kabeljaukriege in die Geschichte eingegangenen.

In den 90er Jahren wurde der Europäische Wirtschaftsraum (EWR) gegründet, der aus den EFTA-Staaten Island, Norwegen und Liechtenstein sowie den Staaten der Europäischen Union (EU) besteht. Der EWR umfasst ein Freihandelsabkommen zwischen den genannten Nationen. Im Zuge des EWR-Abkommens übernahmen die EFTA-Staaten rund 80 Prozent der für den Binnenmarkt erforderlichen EG-Vorschriften.

Das sogenannte Schengener Abkommen wurde am 14. Juni 1985 von Deutschland, Frankreich, Belgien, Luxemburg und den Niederlanden unterzeichnet und beinhaltet die Vereinbarung über einen schrittweisen Abbau der Personenkontrollen an den Binnengrenzen der Vertragsparteien. Nachdem im Jahr 2000 fast alle EU-Staaten dem Schengener Abkommen angehörten, traten auch die beiden Nicht-EU Länder Island und Norwegen im März 2001 bei.

Im Zuge einer weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise stand Island nach Jahren einer boomenden Wirtschaft im Jahr 2008 kurz vor dem Staatsbankrott. Viele isländische Banken und Investoren hatten über ihre Verhältnisse gelebt und konnten die aufgenommenen Kredite nicht mehr bedienen. Durch die notwendige Verstaatlichung der größten Banken wurde auch der Staat in die Schuldenkrise hineingezogen. Nur mit Hilfe des IWF und Krediten anderer nordeuropäischer Länder konnte diese Staatspleite abgewendet werden. Mittlerweile erholt sich die Wirtschaft wieder, doch die angesammelten Schulden belasten weiter den Staatshaushalt.