Varus-Schlacht

Die grossen germanischen Stammes-Staaten

In den letzten Jahrhunderten vor und in den ersten zwei Jahrhunderten nach unserer Zeitrechnung gliederten sich die Westgermanen in drei große Stammbünde, deren Namen uns von römischen Schriftstellern genannt werden. Die Entstehung dieser Stammbünde geht weit zurück bis an das Ende der Bronzezeit. Auch die Namen dürften sehr alt sein. Die an der Nordküste lebenden Seegermanenstämme, in Sonderheit die Friesen und Chauken – die letzteren zwischen Elbe und Weser seßhaft -, bildeten den Bund der Ingwäonen. Ihr Sinn (Gesicht) war auf das Meer hinaus gerichtet. Sie beherrschten den im ersten Jahrhundert v. d. Ztr. recht lebhaften Handel in der Nordsee und widmeten sich schon damals in starken Maße dem Fischfang. Die zwischen Weser, Aller und Rhein lebenden germanischen Stämme bildeten den Bund der Istwäonen. Zur Zeit Cäsars waren die Sigambrer der führende Stamm. Etwa im Beginn der Zeitrechnung übernahmen die Eherusker, die an der Weser lebten, die Führung des Stammbundes, die sie bald nach dem Tode des Arminius an die Chatten abgaben. Für den dritten der goßen westgermanischen Stammbünde werden zwei Namen genannt, und zwar Sweben oder Irminonen. Die Stämme dieses Bundes hatten alles Land zwischen Elbe und Oder inne, aber auch weite Gaue westlich der Elbe waren von ihnen besiedelt. Die Grenzen dieses Stammbundes reichten von der Ostsee nach Süden bis zur Donau. Es gehörten also auch die am Main und in Süddeutschland seßhaften germanischen Volksgruppen dazu. Der vornehmste Stamm waren noch zur Zeit des Tacitus die in der Mark Brandenburg seßhaften Gemnonen. Durch die späteren Kriege wurden jedoch andere Stämme, wie die Markomannen, Quaden oder Langobarden besonders berühmt und bekannt. Alle diese Stammbünde bildeten Großstaaten, die freilich nicht mit unseren heutigen Staatsgebilden zu vergleichen sind. Unsere Vorfahren waren zu jener Zeit noch überwiegend Bauern, die keinen Beamten- und Verwaltungsapparat brauchten. Ihre Staaten waren also den damals vorhandenen Notwendigkeiten angepaßt.  Die einzelnen Stämmme standen nur in einem losen Zusammenhang, der aber doch ausreichte, um einen eingedrungenen Feind gemeinsam abzuwehren oder gemeinsam einen  Krieg  zur Erwerbung von Neuland  zu führen. Bei aller Freiheit der Selbstverwaltung, die die Dorfschaften, Gaue und Stämme im Rahmen dieser Großstaaten hatten, fühlten sie sich doch als zusammengehörig, leisteten ihre freiwilligen Beiträge zur Sicherung der Wehrhaftigkeit und hatten eine gemeinsame Rechtsgrundlage und Rechtspflege, die von auf den großen Versammlungen aller Freien besonders gewählten Richtern durchgeführt wurde. Die Einrichtungen dieser germanischen Großstaaten waren damals allen an sie gestellten Anforderungen durchaus gewachsen *). *) Den Nachweis dieser germanischen Großstaaten hat der Verfasser in seinem Werk “Das viertausendjährige Reich der Deutschen”, Nordland Verlag, Berlin, geführt.

Der Markomanne Marbod

Während die Legionen des Drufus vom Rhein zur Weser und von dort sogar zur Elbe marschierten, während die Stämme des Istwäonenbundes, die Sigambrer und Tenkterer, die Marser und Brukterer, die Chatten, Eherusker und Angriwarier-die kleineren Stämme nicht gerechnet – verzweifelt um ihre Freiheit kämpfen, hat ein kluger und entschiedener Führer, der Markomannenherzog Marbod, der sich längere Zeit bei den Römern aufhielt, von dem Ziel, das Kaiser Augustus seinen Feldherrn gestellt hatte, Kunde erhalten. Er kennt seine Heimat besser, als der Imperator im fernen Süden. Er weiß, daß die Legionen nur von der Donau, an deren Ufer schon ihre Vorposten stehen, wenige Tagemärsche durch Böhmen nach Norden zu marschieren brauchen, um die Moldau und dann die Elbe zu erreichen. Wenn sie diesen Weg wählen, wird Germanien zwischen Rhein und Elbe von Norden und Süden umfaßt und muß sich den feindlichen Waffen beugen. In Böhmen leben Kelten. Ihre Kampfkraft ist geringer als die der Germanen oder der Römer. Das Land muß dem zur Beute fallen, der es als erster angereift. Marbod ist ein kluger Staatsmann. Er erkennt das Ziel und sein Wille ist fest genug, um es zu erreichen. Als Herzog oder, wie die römischen Berichterstatter sagen, “König” der Markomannen – der Markmänner – die, auf vorgeschobenem Posten stehend, eine Auslese der Besten aus dem großen Swebenbud sind, fällt es ihm nich schwer, die Führer der Stämme dieses Bundes für seinen Plan zu gewinnen. Die Jungmannschaft der Sweben stellt sich ihm begeistert zur Verfügung. Mit einem großen Heer erobert er um 8 v. d. Ztr. Böhmen und Mähren und schafft sich dort ein durch die Gebirgszüge geschütztes, starkes Reich.

Er kennt den Fehler, den die Herzöge früherer Jahrhunderte machten – nach der Lage sogar machen mußten – nämlich nach errungenem Sieg die Jungmannschaft größtenteils zu entlassen und sich nur auf die eigene Gefolgschaft ausgewählter Kriegsleute und, wenn es hart auf hart kam, auf das rasch zusammengerufene Aufgebot der freien Männer zu verlassen. Marbod, der in Rom die Einrichtung eines stehenden Heeres kennengelernt hat und weiß, daß auf ihm die Stärke des Südreiches ruht, schafft sich eine starke, ständig unter Waffen stehende Truppe von 70 000 Mann Füßvolk und 400 Reitern. Durch seinen harten Willen und seine überlegene Einsicht hat er Böhmen und Mähren den Germanen gesichert und ist einer römischen Eroberung des Landes, die vielleicht einer Eroberung ganz Westgermaniens bedeutet hätte, zuvorgekommen.

 Die Römer an der Elbe

Immer noch marschieren die Legionen Jahr für Jahr durch die Gaue zwischen Rhein, Weser und Elbe. Sie werden nun nicht mehr von Drufus dem Älteren befehligt, an dem sich die Weissagung einer germanischen Seherin erfüllte:

“Wohin in aller Welt, willst du, du unersättlicher Drufus? Es ist dir nicht beschieden, alles hier zu schauen.

Kehr um! Denn das Ende deiner Taten und deines Lebens ist da.”

Der neue Obereldherr, der die Legionen befehligt, ist Tiberius, der fähigste General seiner Zeit, der später nach dem Tode des Augustus Kaiser wurde. Auch er marschiert zur Weser und zur Elbe.

Die Stämme des Istwäonenbundes bieten den Frieden an. Sie wollen, wie sie es gewohnt sind, gemeinsam darum verhandeln und ihn als Bund und Staat gemeinsam schließen. Aber der Grundsatz der römischen Politik: “Teile und herrsche!” läßt einen solchen Frieden nicht zu. Kaiser Augustus läßt die Gesandten der Sigambrer, bevor sie den verabredeten Ort erreichen können, festnehmen und verweigert den anderen Stämmen den Frieden, da ja die Gesandten eines der Hauptstämme – die der Sigambrer – nicht anwesend seien. So muß Stamm für Stamm über kurz oder lang sich unterwerfen und einen Sonderfrieden schließen.

Es dauert Jahre, bis die Römer so weit sind. Ein neuer Feldherr. L. Domitius Ahenobarkus, läßt Tiberius ab und marschiert (zwischen 3 und 1 v. d. Ztr.) gleichfalls bis zur Elbe. Er unterwirft durch Vertrag selbst die swebischen Hermunduren (die späteren Thüringer). Alles Land zwischen Rhein und Elbe scheint nun der römischen Herrschaft unterworfen zu sein. Das Ziel, das Kaiser Augustus seinen Feldherrn gestellt hat, ist – fürs erste wenigstens – erreicht.

Der junge Arminius

In dieser kampfdurchtobten Zeit wächst jener Mann auf, von dem wir nur seinen römischen Namen kennen: “Arminius”, der Befreier Germaniens. Wenn sein Name nur eine Latinisierung ist, dürfte er Ermin oder Hermann geheißen haben. Da sein Vater den namen Sigmar trug und alle Verwandten, die uns überliefert sind, ähnliche Namen tragen – Segest, Sigmund, der Sohn dieses Manns, Sigmar, ein anderer Verwandter, Segesdag, dessen Sohn -, so ist Vermutung nicht von der Hand zu weisen, daß Arminius der Siegfried der deutschen und nordichen Sage gewesen ist.

Die Namensfrage mag niemals endgültig geklärt werden; sie ist auch ohne Belang, denn entscheidend war das, was der Mann Arminius tat.

Als Kind hat er Not und Elend des Krieges kennengelernt. Er sah, wie die tapfersten Männer fielen, wie die Hunderschaften und Tausendschaften sich verbissen und trotzig gegen die überlegenen Legionen wehrten, hörte die Klagen der Bauern, denen die Höfe über dem Kopf angezündet waren, denen das letzte Vieh aus den Ställen oder den dichten Waldverstecken geraubt wurde. Als Jüngling mag er mitgekämpft haben, sicher einer der tapfersten seiner Altersgenossen. Als junger Mensch wurde er von seinem Vater nach Rom gesandt.

Der Friede war geschlossen; das Südreich hatte sich als stärker erwiesen. Wer einen neuen zur Freiheit führenden Kampf wagen wollte, mußte diese ferne Macht gründlich kennenlernen. Arminius und sein Bruder, von dem wir auch nur den lateinischen Namen “Flavus” – der Blonde – kennen, zogen, ihrem Vater gehorsam, nach Süden. Flavus wurde von dem Glanz des Kaisertums geblendet und von den freigebig gespendeten Ehren gefesselt. Arminius dagegen blieb seiner Heimat, seinem Volk und seiner Art treu. Als Fürstensohn tat er im Offiziersrang Dienst im römischen heere und führte wohl auch eine Abteilung germansicher Hilfstruppen.

Nochmals Marbod

Damals (6 n. d. Ztr.) wollte der römische Feldherr Tiberius das letzte germanische Bollwerk erobern, das noch den Weg zur Elbe verlegte und der Macht des großen Kaisers trotzte: das Reich des Markomannenkönigs Marbod. Von allen germanischen Großordnungen war nur der Stammbund der Sweben von der römischen Herrschaft frei. Der Führer dieses Stammbundes aber war Marbod, jener Mann, der ein beachtlich großes stehendes Heer besaß, und der es nicht unterließ, sich in seinen diplomatischen Beziehungen dem Kaiser Augustus gleichzustellen.

Die größte Truppenmacht, die das Römerreich jemals gegen einen Germanen eingesetzt hat – zwölf Legionen oder 120 000 Mann Sollstärke – wurde aufgeboten, um das letzte Bollwerk niederzureißen. Tiberius hatte den Oberbefehl. Mit zwei Marschgruppen sollte Böhmen in die Zange genommen werden. Die Legionen marschierten an Rhein und Main ebenso wie an der Donau auf.

Arminius war im Heere des Tiberius. Dort lernte ihn der Reiteroberst Belleius Patercullus kennen, jener Offizier, dem wir dem einzigen zeitgenössischen Bericht über den großen Cherusker und seinen Gegner Varus verdanken. Alle anderen Berichte stammen aus einer um hundert und mehr Jahre späteren Zeit. Dieser Oberst schildert den jungen Germanen als einen “Mann von vornehmer Abkunft, persönlicher Tapferkeit, rascher Auffassung und einer genialen Klugheit, die jenseits der Begabung eines Barbaren siegt … schon sein Gesichtsausdruck und seine Augen verrieten das Feuer seines Geistes…”

Das Schicksal schien den Sohn Sigmars zum Bruderkampf zwingen zu wollen, zu einem Kampf, der um so schwerwiegender war, als sich Arminius damals sicher bewußt gewesen ist, daß es gegen den größten Fürsten und Führer seines Volkes, gegen den ruhmreichen Marbod, ging, dessen Fall die Knechtschaft Germaniens endgültig besiegeln würde.

Kurz vor dem von den Römern gesteckten Ziel gebot das Schicksal Halt. Schon hatten die Vortruppen der Legionen Böhmen erreicht und mit den Tausendschaften des Markomannenkönigs Fühlung genommen, da brach südlich der Donau, in dem unterworfen geglaubten Land (Pannonien und Illyrien) ein gefährlicher Aufstand aus und zwang den Oberfeldherrn Tiberius, den Feldzug abzubrechen und seine Waffen gegen die Aufständischen zu richten.

Wir wissen nicht, ob der kluge Marbod den Aufstand geschürt und hervorgerufen hat. Es ist wahrscheinlich, daß er, der sich damals und auch später als gewiegter Diplomat erwies, die Bedrohung seines Reiches auf diese Weise zunichte machte. Gleichgültig wie es war; das Schicksal ersparte jedenfalls dem jungen Arminius den Bruderkampf.

In den nun folgenden Gefechten muß der Sohn Sigmars sich ausgezeichnet bewährt haben, denn er wurde vom Kaiser zum römischen Ritter ernannt, eine Ehre, die wohl nur selten einem Germanen seiner Zeit zuteil wurde. Sehr bald rief ihn sein Vater in die Heimat zurück und von dem Augenblick an war der junge Cherusker nichts anderes, als der treueste Sohn seines Volkes. All sein Sinnen und Trachten richtete sich nun auf die Befreiung seiner Heimat von dem römischen Joch.

Arminius rüstet zum Freiheitskampf

Die Verhältnisse, die Arminus zu Hause vorstand, waren alles andere als einfach und klar. Beim gemeinen Mann, beim Bauer vor allem lebten wohl Wunsch und Wille, die Freiheit wieder zu erringen; aber beid en Edelingen und Fürsten hatte sich eine starke Gruppe von Römerfreunden gebildet. Sie stützten sich auf die kaum bestrittene Meinung, daß die Legionen unbesieglich seien, daß die römische Kultur der eigenen germanischen überlegen wäre und daß es die höchste Pflicht der Führer sei, dem Land und Volk neue aussichtslose Kämpfe und Blutopfer zu ersparen. Der Führer der römischen Partei war Segestes, ein entfernter Verwandter des Arminius. Er pflegte vertraulichen Umgang mit den fremden Offizieren und Feldherrn. Ein anderer Verwandter, der Oheim Inglomar, vertrat kraß die Gegenansicht. Er war ein Römerfresser, der am Feind nicht Gutes ließ, ein alter Haudegen, der ohne Voraussicht und Umsicht lieber heute als morgen losgeschlagen hätte.

Zwischen beiden stand der junge Arminius. Er ritt zur Burg des Segestes und wurde dort nicht als Fürst der Cherusker, sondern als römischer Ritter willkommen geheißen. Er sah die Tochter des Segestes, Thusnelda, und wurde von einer tiefen, schrankenlosen Liebe zu dem Mädchen ergriffen. Sein Herz hatte zur Lebensgefährtin die Tochter des Mannes gewält, der allen seinen Plänen und Zielen den größten Widerstand entgegensetzte und der schließlich zum Verräter an der germanischen Sache ward.

Der Sohn Sigmars ritt auch zu Ingiomar. Dort mußte er fast noch vorscihtiger sein, als bei dem erklärten Römerfreund Segestes. Um den Hof des alten Haudegen hatten die römischen Spione sicherlich ein dichtes Netz gezogen, das jeden fing, der unklug seine Meinung äußerte.

Die Liebe zu Thusnelda zog Arminius nicht auf die Seite des Kaisers und seiner Feldherrn und Statthalter. Dem ungestümen Drängen Ingiomars setzte er Schweigsamkeit und ruhige Besonnenheit entgegen. Auf Waldlichtungen, die keines Spähers Auge sah, sammelte und übte er junge Männer im Kampf.

In Mooren, die nur dem Kundigen Wege wiesen, fanden sich die Hundertschaften und Tausendschaften zusammen, um unter den harten und kritischen Augen des jungen Arminius zu üben. Nächtelang ritt der Sohn Sigmars durch finsteren Wald, über die einsamen Heiden, pflegte Rat mit Edelingen seines eigenen Stammes und der benachbarten Stämme. Es wurde ihm schwer, sie davon zu überzeugen, daß auch römische Legionen geschlagen werden könnten, aber der Feuerkopf, dessen geniale Klugheit der Reiterberst Paterculus erkannt hatte, zwang den anderen seinen Willen auf. Das heimliche Heer, das den Kampf um die Freiheit führen sollte, wuchs immer stärker an.

Quintilius Varus

Währenddessen saß der neue Stadthalter Quintilius Varus in seinem Sommerlager und bewies den Cheruskern die Überlegenheit der römischen Kultur dadurch, daß er Gericht hielt. Er merkte nicht, daß die Germanen sich über ihn lustig machten und erdichtete Streitfälle vor seinen Richterstuhl brachten.

Varus hatte das sonnige und reiche Syrein gegen das dunkle, kalte Germanien auf Befehl des Kaisers vertauschen müssen. Die Berufung auf einen gefährlichen Posten war gewiß ehrenhaft, aber alles andere als angenehm. Wohl hatte er sein Tafelsilber, auf das er so stolz war, mit nach Norden bringen können, aber seine Köche konnten die gewohnten Leckerbissen in diesem unwirtlichen Land nicht beschaffen.

Dazu kam, daß der Fürst Segest ihm, dem Stadthalter, immer wieder im Ohre lag, den jungen Arminius festzunehmen, weil er der Führer einer Aufstandsbewegung sei. Wie konnte dieser Fürst, der keinen römischen Rang hatte, es wagen, den vom Kaiser zum römischen Ritter ernannten jungen Menschen derart zu verdächtigen. Hirngespinste eines überspannten Mannes! Gewiß, die Treue des Segest war zu loben. Aber man kannte solche Barbaren, die sich römischer als die Römer dünkten. Sie witterten bei jedem harmlosen Wort Verrat. War Arminius nicht zur letzten Truppenschau am Geburtslag des Kaisers erschienen? Freilich nicht in der Rüstung eines römischen Offiziers, sondern wie ein germanischer Fürst gekleidet. Aber das konnte man ihm wohl nachsehen, denn er war ja ein Fürst der Cherusker. Widersinnig dieses Geschwätz des Segestes! Er, der Statthalter, würde sich nur einer Schwäche schuldig machen, wenn er den Worten nachgab und den römischen Ritter Arminius verhaften ließ.

So kam es, daß Varus den Warnungen des Verräters keinen Glauben schenkte, daß er blind in sein und der Legionen Verderben hineinrannte. Er glaubte an die Überlegenheit der römischen Kultur, die er vertrat, und an die Unsiegbarkeit der Truppen, die er führte. Er versuchte, den Zwist in der vheruskischen Fürstensippe für seine Politik auszunutzen und versäumte, wie sein Zeitgenosse Belleius Paterculus mit Recht urteilt: “die Zeit für den Sommerfeldzug (gegen Arminius?) mit Rechtsprechungen und förmlichen Verhandlungen als Gerichtsherr”. Da brach die Katastrophe unversehens über ihn herein, eine Katastrophe, der der “an Körper und Geist wenig regsame Mann” nicht gewachsen war.

Die Schlacht im Teutoburger Walde

Im Sommerlager des Varus an der Weser treffen Alarmnachrichten ein. Die immer bedrohlicher werdende Lage zwingt den Statthalter, seinem Heer den Befehl zum Rückmarsch zu geben. Ein zweites Heer in Stärke von zwei Legionen, das im Lande der Chatten unter dem General Asprenas steht, erhält den gleichen Befehl.

Das Sommerlager wird abgebrochen, aber da zeigt sich, daß in den vielen Monaten, die man in Cheruskerlande verbrachte, der Troß ungewöhnlich angeschwollen ist. Die Legionen mögen ihre Beutestücke oder das, was sie von den Germanen erhandelten, nicht zurücklassen. Wagen und Karren der nahe wohnenden Bauern werden rasch requiriert und das überzählige Gepäck darauf verladen. Die Weiber und Burschen, die sich in großer Zahl dem Heere während der Friedenszeit angeschlossen haben, wollen auch nicht zurückbleiben. Der Troß ist riesig geworden. Die alten, kriegsgewohnten Centurionen und Legaten murren und fluchen darüber, aber der gutmütige Varus, der immer noch ahnungslos über die Größe der Gefahr ist und seine Soldaten bei guter Laune erhalten will, schreitet nicht ein.

Mühsam kreicht der Heerwurm die Landstraße entlang, die von der Weser zur Lipe führt und von dort zum Rhein. Das schöne Herbstwetter schlägt um. Der Regen peitscht die Marschierenden, aber die Truppe bleibt an ihrem ersten Marschtag unbehelligt.

Am zweiten Tage nähert man sich dem Teutoburger Waldgebirge. Die drei Legionen, die 17., 18. und 19., sind immer noch guten Mutes. Undenkbar, daß irgendein Barbarenheer sie, die kriegsgewohnten und unbesiegten Römer mit Aussicht auf Erfolg angreifen könnte. Die germanischen Hilfstruppen sind zwar in Nacht und Regen verschwunden, aber das tut nichts; man wird, wenn es nötig werden sollte, nur auf die eigenen Kräfte angewiesen sein, und das ist besser als mit Männern Seite an Seite zu kämpfen, deren Sprache man nicht versteht, und deren Sitten und Gewohnheiten fremd sind.

Die an der Spitze marschierende Legion hat einige Kohorten zur Sicherung vorausgesandt. Sie sind, offenbar ohne einen Feind zu finden, in das Gebirgstal eingedrungen, durch das der Weg führt. Ohne weitere Vorsichtsmaßnahmen marschiert nun das Heer in den Teutoburger Wald hinein. Da mehren sich von Stunde zu Stunde die Schwierigkeiten. Der Weg, der zu Fuß gangbar und auch noch für Reiter geeignet ist, verengt sich oft derartig, daß Bäume gefällt werden müssen, um die schweren Wagen hindurchzubringen. Der Regen hat die Gebirgsbäche stark anschwellen lassen, so daß auch die Anlage von Brücken notwendig wird. Bis gegen Mittag schiebt sich das römische Heer mit seinem riesigen Troß nur wenige Meilen voran. Regen und Sturm machen die Mittagsrast fast zu einer Qual. Die Unruhe im Heer wächst. Schließlich befiehlt der Feldherr den Aufbruch. Da bricht urplötzlich Kampflärm an der Spitze aus und pflanzt sich durch die Reihen der Kolonne fort. Jetzt tauchen überall kleine germanische Abteilungen auf, beunruhigen die Kohorten und die Bedeckung der Wagen, stoßen auch hier und da vor, so daß es immer wieder zum Nachkampf und zum Handgemenge kommt. Die Unordnung, in die das römische Heer gerät, und die Unübersichtlichkeit der Lage veranlaßt den Feldherrn, an Ort und Stelle, soweit das der Wald zuläßt, ein Lager aufzuwerfen und seine Legionen und Kohorten aus dem Kampf zu ziehen. Jetzt erst hat Varus begriffen, daß es um Sieg oder Tod geht. Er läßt die Wagen und Karren mit allem, was darauf ist, verbrennen und die Weiber und Burschen vertreiben. Jeder Soldat behält nur das, was er zu tragen vermag. Die Verlustmeldungen, die ihm am Abend erstattet werden, zeigen, daß der Kampf schwerer war, als es zunächst den Anschein hatte. Eintönig rauscht der Regen während der Nacht hernieder. In ihren Lederzelten liegen die Legionäre eng aneinander gedrückt. Sie lauschen auf das Toben des Sturmes und fahren zusammen, wen ein Baum entwurzelt niederprasselt. Nur schwer finden die Männer den Schlaf. Der eherne Klang der Tuba weckt sie, kaum daß der Morgen graut. Rasch brechen sie das Lager ab und stehen in Reih und Glied. Unter ständigen Kämpfen geht es tiefer in das Gebirge hinein. Die Verluste werden größer und größer. Bei den Germanen treffen dagegen immer neue Hundertschaften ein, die mit frischen Kräften angreifen. Das Lager, das man am Abend errichtet,  bietet kaum noch einen Schutz. Zu abgekämpft und gleichgültig sind die arg zusammengeschmolzenen Legionen. Nicht mehr die eiserne Manneszucht, sondern nur noch die Angst um das nackte Leben hält die Römer zusammen. Am dritten Tage der Schlacht kämpfen sich die Legionen zu einer Hochebene durch. Aber hier tritt ihnen Arminius mit seinem ganzen Heer entgegen. Varus erkennt die Niederlage, und er, dessen Mangel an Umsicht die Katastrophe verschuldet hat, findet nun den Mut zum Sterben. Wie sein Vater und sein Großvater es auch taten, stürzt er sich selbst in sein Schwert. Seine treuen Leute errichten noch während des Kampfes einen Scheiterhaufen, um den toten Feldherrn zu verbrennen. Aber das Holz ist naß, es quaimt nur, ohne recht zu brennen. Da gräbt man den Leichnam in die Erde. Tapfer kämpfend fällt der Legat Lucius Eggtus inmitten seiner Soldaten. Der Reitergeneral Vala Numonius versucht seine Reiterei zu retten, aber sie wird, nachdem der Durchbruch zunächst gelingt, bald darauf von den Reiterscharen, die ihnen Arminius nachfendet, gefaßt, zersprengt und vernichtet. Der Legat Ceonius kapituliert mit dem Rest des Heeres. Auf blutgetränktem Feld grüßen die germanischen Tausendschaften ihren Führer Arminius als Sieger. Zum erstenmal seit dem Zug der Kimbern und Teutonen ist ein großes römisches Heer, das zudem noch aus Elitetruppen bestand, vollständig vernichtet worden. Mit der Schalcht im Teutoburger Walde hat der Freiheitskampf seinen ersten Abschnitt erreicht.

 Die Legendenbildung

So gewiß der Ausgang der Dreitageschlacht im Teutoburger Walde ist, so ungewiß sind alle militärischen Einzelheiten. Wir kennen nicht einmal genau die Orte, an denen der Kampf tobte. Das Sommerlager des Varus kann sich ebenso in der Nähe von Minden, an der Westfälischen Pforte, wie bei Hameln oder noch weiter südlich befunden haben. Da sich der Teutoburger Wald etwa von Osnabrück bis zur Hochebene von Paderborn hinzieht, lassen sich in der Theorie zahlreiche Orte finden, die für den dreitägigen Kampf in Frage kommen könnten. Wahrscheinlich ist nur, daß Varus von seinem Sommerlager aus den nächsten Weg zu der vom Kastell Aliso gesicherten Straße an der Lippe wählte. Solange nicht das Sommerlager oder wenigstens das erste Marschlager der Römer durch Ausgrabungen gefunden wird, bleiben alle Erwägungen über den örtlichen Verlauf der Schlacht mehr oder minder eitel*).

*) Vom Vom Flugzeug aus aufgenommene Luftbilder ergaben, daß sich bei Rinteln a. o. Weier eine aster artige Anlage befindet, die vielleicht aus jener Zeit stammt. Die Ausgrabung, die Gewißheit darüber bringen könnte, steht aber och aus.

Wie immer, wenn es sich um entscheidende Kämpfe handelt, setzte sehr bald der Vernichtung der Legionen eine Legendenbildung ein, von der uns die römischen Berichte Zeugnis ablegen. So soll Arminius oft der Tischgenosse des Varus gewesen sein und ihn, den Gastgeber, noch bis zuletzt hintergangen haben. Der einzige zeitgenössische Bericht, der des Reiteroberst Vellejus Paterculus – die nüchterne Darstellung eines Frontsoldaten – meldet davon nichts, sondern macht das Versagen des Varus für die Katastrophe verantwortlich. Auch von einer mit Arminius verabredeten Empörung eines entfernt wohnenden Stammes der Germanen, wodurch das römische Heer in einen Hinterhalt gelockt sei, berichtet der Oberst nichts. Erst recht nicht davon, daß die Legionen schon in ihrem Sommerlager überfallen worden seien.

Erdichtet dürften auch die Grausamkeiten sein, die unsere Vorfahren gegen die wehrlosen Gefangenen begangen haben sollen. Offenbar hat man am römischen Kaiserhof, um die ungewöhnliche Niederlage zu erklären, eine falsche Darstellung von den Geschehnissen verbreitet und eine Legendenbildung in dieser Richtung gefördert. Nur so erklärt es sich, daß die aus der Gefangenschaft losgekauften vornehmen Römer – es sind also wohl Offiziere gewesen -, den Boden Italiens nicht wieder betreten durften. Für die Milde, mit der die Gefangenen behandelt wurden, spricht auch die Mitteilung, daß einige von ihnen noch 40 Jahre nach der Schlacht lebten und ihre Freiheit wiederfanden.

Folgen der Schlacht

Die Folgen der Vernichtungsschlacht waren für die Germanen wie für die Römer ganz außergewöhnlich. Kaiser Augustus entließ sofort seine aus Germanen bestehende Leibwache, verbot die herkömmlichen Feiern und Volksfeste, ließ als Ersatzheer 18 000 Mann ausheben, strich die Nummern der drei vernichteten Legionen aus der Liste des Heeres und sandte Tiberius – seinen besten Feldherrn – an den Rhein, um das verstärkte Heer dort zu führen.

Dem General Asprenas, der mit seinem Heere im Lande der Chatten stand, war er gelungen, sich mit seinen beiden Legionen rechtzeitig hinter den Strom zurückzuziehen und dort die Kastelle zu besetzen und zu behaupten. Aliso, die starke Festung an der Lippe, mußte freilich aufgegeben werden.

Von dem, was auf germanischer Seite geschah, wissen wir nur wenig. Sicherlich verbreitete sich die Nachricht von dem großen Sieg sehr rasch durch alle germanischen Gaue und stärkte überall den Freiheits- und Kampfwillen. Aber Arminius sah sich doch gezwungen, in der Verteidigung zu bleiben, weil der Mann, auf den er seine ganze Hoffnung gesetzt hatte, der Markomannenkönig Marbod, versagte.

Der Herzog ließ die Leiche des Varus ausgraben und schickte das abgehauene Haupt des Statthalters nach Böhmen, sicherlich mit der Aufforderung an Marbod, nun auch seinerseits das Römerrreich anzugreifen. Aber der König war schon zu alt geworden. Der einst kühne Feldherr und Staatsmann hatte sich in einen gewiegten Diplomaten und in einen Herrscher verwandelt, der das Errungene nur noch behaupten wollte. Darum sandte er das Haupt des Varus an den Kaiser und blieb neutral.

Die neue Heeresordnung des Arminius

Arminius bewährte sein Führertum in den Jahren nach der Schlacht im Teutoburger Walde noch mehr als schon bei Beginn der von ihm hervorgerufenen Freiheitsbewegung. Es ist bezeichnend, daß Tiberius es nicht wagte, seinen großen Gegner anzugreifen. Erst als er nach dem Tode des Augustus selbst Kaiser geworden war, überschritten die Legionen unter ihrem neuen Feldherrn, dem jungen Germanicus, mehrfach den Rhein. Die Kämpfe, die sich nun abspielten, beweisen aber, daß Arminius die Zeit genutzt hatte, und daß er mit seinen Tausendschaften selbst einem acht Legionen starken Heer – mindestens 80 000 Mann Soll-Stärke – sogar in offener Feldschlacht gewachsen war.

Aus allen Nachrichten geht hervor, daß sich der große Cherusker ein Kernheer von etwa 40 000 bis 50 000 Kriegern aus der jungen, kampfkräftigen Mannschaft des Istwäonenbundes geschaffen haben muß, ein stehendes Heer, das er sich in voller Schlagkraft während der ganzen Jahre zur Verfügung hielt. Die Germanen seiner Zeit waren fast ausschließlich noch Bauern. Als solche fanden sie sich wohl zusammen, wenn der Feind ins Land fiel; war aber die Bedrohung beseitigt, so gingen sie nach Hause, um, wie es rechte Bauernart ist, ihre Höfe zu bewirtschaften. Auf die Aufgebote dieser älteren Männer konnte also Arminius nicht ständig, sondern nur von Fall zu Fall rechnen.

Das Kernheer, das sich Arminius in den Jahren nach der Schlacht im Teutoburger Walde geschaffen hatte, war nicht nach römischer Art geschult und in Legionen eingeteilt. Es ist für diesen größten germanischen Führer bezeichnend, daß  er  nicht  ein  fremdes Heereswesen  nachahmte,  sondern  aus  der  Eigenart  seines  Volkes  heraus  eine  neue Heeresordnung schuf. Es blieb also bei den alten Hundertschaften und Tausendschaften. Nur daß sie sich jetzt nicht mehr wie früher aus allen männlichen Mitgliedern einer Sippe – also aus jungen und alten Menschen – zusammensetzten, sondern daß sie nur noch aus jungen kampfkräftigen Männern bestanden.

Dieses Kernheer blieb ständig unter Waffen. Es wurde in den großen Volksburgen, die auf vielen Weserbergen lagen – Burgen, die erst zur Zeit der Kämpfe mit den Römern errichtet worden waren -, gewissermaßen in Garnison gelegt. In wenigen Tagen oder gar Stunden konnte das ganze Heer den befohlenen Sammelort erreichen. Früher hatte es Wochen gedauert, bis das Aufgebot aller wehrhaften Männer des Stammbundes der Istwäonen sich zusammenfand. Die schnell marschierenden, jederzeit schlagkräftigen Legionen waren deshalb den Germanen überlegen gewesen. Aber nicht nur das versammelte Kernheer bildete die “aktive” Truppe. Arminius sorgte auch dafür, daß bei den einzelnen Stämmen des Bundes einige Tausendschaften wehrhafter Männer ständig unter Waffen standen, bereit, dem römischen Heer, wenn es nötig sein sollte, den Vormarsch zu erschweren. Die Sammelorte für das Aufgebot der älteren Männer jeden Stammes wurde weiter zurückverlegt. Infolgedessen gelang es den Römern nun nicht mehr wie früher, diese Aufgebote, bevor sie zu dem aktiven Heer Arminius gestoßen waren, eizeln zu fassen und zu vernichten. Wie sehr sich diese neue Heeresordnung des Arminius bewährte, beweisen die Entscheidungskämpfe der Jahre 15 und 16 uns. Ztr.

Der Kampf der Jahre 15 und 16

Die Hauptkämpfe beganen – nach einigen unwesentlichen Vorstößen im Jahre 14 – mit dem Vormarsch des römischen Heeres im Jahre 15. Die Legionen wurden auf drei verschiedenen Wegen zur Ems geführt, vereinigten sich dort und marschierten zum Teutoburger Wald. Hier hielt es der junge Germanicus für richtig, erst die Gebeine der in der Varusschlacht gefallenen Römer zu bestatten, ehe er gegen den Feind marschierte. Dadurch verlor er kostbare Zeit, die Arminius nutzte, um die Aufgebote der älteren Männer an sein Kernheer heranzuziehen. Noch westlich der Weser kam es zu einer offenen Feldschlacht, die nach dem Bericht des Tacitus unentschieden geendet haben soll. Aus dem überstürzten, fluchtartigen Rückzug der Legionen zur Ems geht aber hervor, daß Arminius überlegener Sieger geblieben sein muß. Die Hälfte des römischen Heeres unter dem erfahrenen General Caecina wäre fast einer ähnlichen Vernichtung anheimgefallen wie die Legionen des Varus. Nur das Ungestüm des gegen den Rat seines Neffen handelnden alten Haudegens Ingiomar rettete die Römer. Im Jahre 16 versuchte der junge Germanicus noch einmal sein Glück. Es kam zu einer Doppelschlacht auf dem Felde von Idistaviso und am Angriwarierwall. Offenbar hatte der Römer aus seinen Fehlern gelernt. Es gelang ihm unter Einsatz einer Flotte von über 1000 Schiffen, sein Heer schnell und überraschend an die weit unterlegenen Kerntruppen des Arminius heranzuführen. Die einberufenen Aufgebote der älteren Männer standen noch weit entfernt. Arminius mußte Zeit gewinnen. Er konnte das entweder dadurch, daß er sich mit seinen 40 oder 50 Tausendschaften zurückzog, oder daß er eine Schlacht annahm, die zwar von vornherein verloren war, die die Römer aber doch für einige Tage festhielt. Es ist für den größten Führer, den die Germanen je gehabt haben, bezeichnend, daß er die zweite Möglichkeit wählte. Der Erfolg gab ihm recht. Zwar mußte er auf dem Felde von Idistaviso weichen, obwohl er ebenso wie sein Oheim Ingiomar an der Spitze seines Schlachtkeiles durch die römische Schlachtfront durchtieß, aber die nötige Zeit war gewonnen. Die Legionen trafen bei ihrem weiteren Vormarsch auf so statke Truppen der Germanen, daß sie zur Weser zurückgedrängt wurden. Dort zwischen dem Steinhuder Meer und dem Fluß wurden sie von Arminius eingekesselt, so daß ihnen nur noch der Durchbruch über den Angriwarierwall, eine starke, von den Angriwariern errichtete Holzerdmauer (die von Geheimrat Schuchhardt durch Ausgrabung festgestellt wurde), übrigblieb. Der Sturm auf den Wall gelang erst, als der römische Feldherr seine Geschütze, rund 500, die das Heer mit sich führte, einsetzte. Der Kampf endete trotzdem mit einem Siege des Arminius, denn die Römer wurden gezwungen, noch während der Schlacht ein befestigtes Lager zu errichten, erlitten starke Verluste und zogen sich unmittelbar darauf, obwohl es erst Hochsommer war, hinter den Rhein zurück. Kaiser Tiberius, der die Aussichtslosigkeit weiterer Kriegszüge einsah, rief seinen Feldherrn ab und befahl den Legionen, sich von nun ab auf die Verteidigung der Rheingrenze zu beschränken. Jetzt erst war die Freiheit Germaniens wirklich errungen.

Der Tod des Helden

Das persönliche Schicksal des großen Cheruskers ist bekannt. Er nahm Thusnelda, die Tochter des Segestes, gegen den Willen ihres Vaters zur Gattin und verlor seine Frau durch die Machenschaften dieses Mannes, der von der Geschichte für die Ewigkeit als Verräter seines Volkes gestempel ist. Bald nach der  Doppelschlacht bei Idistaviso und am Angiwarierwall mußte er sein Heer gegen den Markomannenkönig Marbod führen, der ihm den Ruhm und die Führung der Germanen schon neidete. Die Schlacht zwischen den beiden soll zwar unentschieden geendet haben, aber Marbod fühlte seine Unterlegenheit so sehr, daß er sich nach Böhmen zurückzog. Dort wurde er durch einen jungen edlen Goten (?) namens Katwald vertrieben. Er suchte und fand Zuflucht im römischen Reich und lebte noch 15 Jahre in Ravenna. Seinen früheren Ruhm hat er, wie Tacitus sagt, “dadurch stark verdunkelt, daß er allzusehr am Leben hing”. Arminius fiel “durch die Tücke seiner Verwandten”. Aber er lebte im Herzen seines Volkes weiter. Die Lieder über ihn gingen von Mund zu Mund und sind uns wohl in der Siegfriedsage, wenn auch für die Gegenwart schwer nachprüfbar, überkommen. Er war nach den Worten des großen römischen Geschichtsschreibers Tacitus “unzweifelhaft der Befreier Germaniens und ein Mann, der nicht wie andere Könige und Heerführer das römische Volk in seinen Anfängen, sondern das römische Reich auf der Höhe seiner Macht herausforderte. In der Schlacht hat er mit wechselndem Glück gekämpft, aber im Kriege ist er unbesiegt!” Wenn je für einen Großen, so treffen für ihn die Worte der Edda zu: Besitz stirbt, Sippen sterben, Du selbst stirbst wie sie. Eins aber weiß ich, Das ewig lebt, Der Toten Tatenruhm!