Kampf um Gallien

Der Kampf um Gallien

 Cäsar und Ariovist

An jenem Tage des jahres 60 v. d. Ztr., an dem sich die drei mächtigsten Männer Roms, der reiche Crassus, der ruhmreiche feldherr Pompejus und der kluge Cäsar die Hand zum Bunde reichten, begann der neue Abschnitt der Weltmacht am Mittelmeer, jener Abschnitt, der zum Kaiserreich und zu einer neuen, ungeahnten Blüte führte. Das Triumvirat war das Werk Cäsars. Dieser überlegene, staatsmännische Geist verstand es, die beiden Feinde Crassus und Pompejus zu versöhnen und ihnen, vor allem dem politisch harmlosen, aber wackeren Kreigsmann die Erfüllung aller Wünsche zu gewährleisten, sich selbst aber die eigentliche Macht zu sichern.

Im Jahre 59 v. d. Ztr. läßt sich Cäsar zum Konsul wählen, schaltet seinen Amtsgenossen nach wenigen Monaten aus und ist damit tatsächlich der Herr des Weltreiches. Könige, Herren und die Gesandtschaften von Ländern und Städten bemühen sich um seine Gunst, er zeigt sich auch darin klug und freigebig. Unter den Gesandten befinden sich auch Männer aus dem Norden, die das Haupthar zum Knoten gebunden an der Schläfe tragen und die in ihren langen Hosen, ihren einfachen Röcken und ihrem über die Schulter getragenen Mantel seltsam anmuten. Die Männer kommen aus Gallien. Sie sind von einem König Ariovist gesandt. Gallien! Der Staatsmann Cäsar weiß, daß in der Welt immer und überall das Schwert die letzten und entscheidenden Worte spricht. Er hat als Offizier Kriegsdienst getan und sich, kurz bevor er den Bund mit Crassus und Pompejus schloß, als Heerführer in Spanien bewährt. Will er die Herrschaft behalten, anstatt, wie so viele andere, sie nach Ablauf des Amtsjahres als Konsul wieder abzugeben, dann mußte er ein Heer haben. Nicht irgendein Heer im fernen Asien oder in Spanien, sondern legionen, die ihre Waffen auch gegen die Hauptstadt richten können, wenn es nötig sein sollte. Im Eisalpinsichen Galien (Oberitalien südlich der Alpen) stehen drei solche Legionen, die im Grenzkrieg schon erprobt sind. In wenigen Tagen können sie Rom erreichen. Cäsar läßt sich also die Statthalterschaft über diese Provinz übertragen. Aber er muß sich den Rücken sichern. Darum sorgen seine Freunde dafür, daß er auch die jenseits der Alpen gelegene gallische Provinz Narbo mit dem Oberbefehl über die dort stehende legion für einen Zeitraum von fünf Jahren erhält. Aus dem mitleren Gallien aber kommen jene Gesandten des Königs Ariovist. Sie bringen keine Geschenke und schmeicheln nicht, erzählen vielmehr von der Macht ihres Führers. Es kann nicht schaden, wenn man sich Ariovist verpflichtet, darum sorgt Cäsar dafür, daß dieser “Barbar” vom Senat König und Freund genannt wird. Eine Auszeichnung, die Rom nichts kostet und zu nichts verpflichtet.

Der Heerkönig der Sweben

Was ist in Gallien geschehen? Vom 7. jahrhundert v. d. Ztr. an haben sich die Germanen nach Überschreitung des Niederrheins im Norden des Landes ausgebreitet. Dort leben sie in enger und, wie es scheint, friedlicher Nachbarschaft mit den ja auch nordichen Keltenstämmen. Ehen verbinden die Völker, der Handel führt zum Austausch aller Güter und im Laufe der Jahrhunderte entsteht ein keltogermanisches Volkstum, das auf die übrigen germanischen Stämme keine besondere Wirkung hat. Während dieser Zeit schieben sich weitere germanische Stämme an den Rhein heran, erreichen im 2. Jahrhundert v. d. Ztr. schon den Main, gehen über diesen Strom und setzen sich in Süddeutschland  fest. Es sind die Stämme des mächtigen Bundes der Sweben. Sie dringen langsam aber zielsicher nach Süden vor und erreichen die Donau. Ihr Führer, der Heerkönig Ariovist, folgt dem Ruf der gallischen Sequaner und Arverner, die im schweren Kampf mit ihren Nachbarn, den Haeduern, liegen und leistet ihnen gegen Abtretung von Land Heereshilfe. Mit 15 000 Mann geht er 72 v. d. Ztr. über den Rhein, schlägt die Haeduer und ihre Verbündeten und versteilt das ihm vertragsmäßig zustehende Neuland an seine Krieger. Zum ersten Male sind nun Germanen nach Mittelgallien vorgestoßen. Ihre Kriegstüchtigkeit macht sie bald zu Herren über das Land. Die Kelten vereinigen sich zu einem Krieg gegen Ariovist, werden aber geschlagen und müssen dem Heerkönig Geisseln stellen. Neue swebische Scharen kommen über den Rhein und erhalten Land.  Die Germanen schicken sich an, Gallien unter ihre Herrschaft zu bringen. Das ist die Lage, die Cäsar vorfindet, als er seine Legionen an der Rhone vereinigt hat. Der große Staatsmann erkennt sofort, daß Gallien entweder germanisch oder römisch werden muß, weil die darin wohnenden Stämme nicht mehr fähig sind, sich gegen den einen oder anderen ihrer Gegner zu behaupten. Der Zug der Helvetier, die ihre Gaue südlich der Donau geräumt haben, ist Beweis genug. Nur ein Krieg kann entscheiden. Zwar hat Cäsar keinen rechten Grund für einen Waffengang mit dem Germanenkönig, aber das hindert ihn nicht, Forderungen an Ariovist zu stellen, die dieser, ohne auf das schon Errungene zu verzichten, nicht erfüllen kann. Während die Verhandlungen hin und der gehen und der Germane dem römischen Feldherrn darlegen läßt, daß er, der alle gallischen Stämme in einer einzigen Schalcht besiegt hat, im Recht ist, marschiert Cäsar nach Norden. Da zieht der Heerkönig seine Tausendschaften, die über beherrschtes Land verstreut sind, zusammen und fordert neue junge Mannschaft von den swebischen Stämmen jenseits des Rheines an. Die verlangte Schwerthilfe wird sofort bewilligt. Unter zwei Herzögen sammelt sich ein Heer und marschiert zum Rhein. Inzwischen aber hat Cäsar den künstigen Kriegsschauplatz erreicht und die wichtige Festung Bejançon besetzt.

Die Stärke der Heere

Für alles, was sich in diesen Monaten abspielte, haben wir nur einen zeitgenössischen Bericht, nämlich den Cäsars selber. Das, was spätere Schriftsteller drüber schrieben, ist wenig mehr als eine Erläuterung.

Die antiken Schriftsteller, Cäsar eingeschlossen, nahmen es meist mit ihren Angaben über die Stärke der feindlichen Heere nicht sehr genau. Sie übertrieben mitunter maßlos und nannten Zahlen, die die neuzeitliche geschichtliche Forschung als unmöglich festgestellt hat.

Wollte man Cäsar glauben, so müßte der germanische Heerkönig mehr als 100 000 Mann unter seinem Befehl gehabt haben. Die Einzelheiten der Schlachtschilderung lassen aber eine Berechnung zu, nach der das Heer des Arlovist rund 30 000 Mann stark gewesen sein dürfte. Cäsar hatte etwa 25 000 Römer unter seinem Befehl. Dazu kamen aber noch mindestens 15 000 bis 20 000 Gallier als Bundesgenossen, denn schon im vorangegangenen Helvetierfeldzug hatte Cäsar 10 000 Gallier bei sich, und der Krieg gegen die Germanen war ja Sache aller mittelgallischen Stämme, die in dem römischen Feldherrn damals noch ihren Freund und Helfer sahen. Das Heer Cäsars war also um ein Drittel stärker als das des Germanenkönigs. Der römische Geschichtsschreiber Cassius Dio bestätigt das ausdrücklich, wenn auch nicht mit Zahlenangaben.

Die Schlacht bei Mülhausen

In der Nähe von Mülhausen im Elsaß trafen die beiden Heere aufeinander (58 v. d. Ztr.) und was nun geschah, mutet wie neuzeitliche Kriegsführung an.

Beide Feldherren kennen die Unzuverlässigkeit der Gallier. Diese bleiben nicht lange im Felde, wenn die Not sie nicht zwingt. Wird ihnen das Kriegführen langweilig, dann gehen sie nach Hause. Die gallischen Hilfstruppen sichern aber Cäsar die Überlegenheit, also muß er alles tun, um möglichst rasch zur Schlacht zu kommen.

Aus dem gleichen Grunde ist Ariovist daruf bedacht, Zeit zu gewinnen. Die Unterredung, die er dem Römer vorher verweigert hat, führt er nun selbst herbei und hält seinem Gegner vor Augen, wie sehr dieser gegen alles Recht handelt. Cäsar benutzt die Gelegenheit, um den Heerkönig kennenzulernen, und bricht die Unterredung klug und entschlossen ab, als ein kleiner Zwischenfall, der sich zwischen der beiderseitigen Begleitung ereignet, ihm die gewünschte Gelegenheit dazu bietet.

Nun zeigt der Germane sein strategisches Können. Es gelingt ihm, unter Vermeidung einer Schlacht, die Legionen zu umgehen und Cäsar von seiner Verpflegungsbasis abzuschneiden. Vergeblich führt der Römer sein Heer mehrere Tage lang vor sein Lager und steht es in Schlachtordnung auf, dem Feind die Entscheidung anbietend. Für Ariovist arbeitet die Zeit, darum verweigert er die Schlacht.

Um wenigstens die Verpflegung zu sichern, muß der Römer ein zweites kleineres Lager errichten. Er setzt ein Drittel seines Heeres für die Schanzarbeit an und deckt sie mit den beiden anderen Dritteln; ein Beweis, daß diese Truppenmacht ausreichend war, um das Heer des Ariovist in Schach zu halten. Der Heerkönig beunruhigt zwar den Gegner, vermeidet aber immer noch die Entscheidung.

Da steht sich Cäsar, der keine Zeit mehr verlieren darf gezwungen, zum Angriff auf das feindliche Lager zu schreiten. Jetzt erst ordnet auch Ariovist seine Scharen. Sie treten in sieben Schlachtkeilen – der bei den Germanen üblichen Aufstellung – an. Die Heere prallen aufeinander. Jedes siegt auf einem Flügel. Die Entscheidung bringt der junge Crassus, der die dritte Schlachtreihe – jenes Drittel, um das die Römer den Germanen überlegen sind – rechtzeitig ins Gefecht wirft. Nun gruppieren sich während des Kampfes die großen germanischen Heerhaufen um und bilden kleine, etwa je 300 Mann starke Abteilungen, die sich phalanxartig zusammenschließen und denen es gelingt, den Angriff der Römer eine Zeitlang zum Stehen zu bringen. Schließlich müssen auch sie weichen und den Römern das Feld überlassen.

Cäsars weitere Kriegführung

Cäsar hat gesiegt. Aber es scheint, daß ihm diese Schlacht die Größe, Tüchtigkeit und Tapferkeit seines Gegners offenbarte, denn er läßt den Feind ungeschoren und geht nicht, wie es militärich richtig gewesen wäre, über den Rhein. Er vermeidet sogar einige Jahre später eine neue Schlacht mit zwei anderen Germanenstämmen, den Usipetern und Tenkterern, sondern überwältigt sie, indem er ihre im Vertrauen auf den abgeschlossenen Waffenstillstand ins Lager gekommenen Führer festnehmen läßt und die ahnungslosen Germanen überfällt. Wegen dieses völkerrechtswidrigen Verhaltens stellt denn auch Cato im Senat den Antrag, Cäsar den Germanen auszuliefern, ein Antrag, der an der Machtlosigkeit dieser höchsten Körperschaft des römischen Reiches scheitert.

Zweimal (in den Jahren 55 und 53 v. d. Ztr.) geht der große Feldherr über den Rhein. beide Male gibt er an, daß er gegen die Sweben zu Felde ziehen will, aber beide Male kehrt er nach wenigen Tagen zum westlichen Ufer zurück. Offenbar sah Cäsar im Swebenbund und dessen Führer Ariovist seinen gefährlichsten Gegner. Aber er wagte es nicht, vom Elsaß aus über den Strom zu gehen und den Heerkönig unmittelbar anzugreifen. Die beiden Rheinübergänge nördlich von Koblenz waren kaum mehr als militärpolitische Demonstrationen, die zudem auf unsere Vorfahren keinen sonderlicher Eindruck machten. Das beweist der Vorstoß, den 2000 Reiter des Sigambrer um 53 v. d. Ztr. über den Rhein gegen das Lager der Legionen durchführten, ein Vorstoß, der nur infolge eines Irrtums ohne größeren Erfolg blieb.

Das germanische Heereswesen

Das weitere Schicksal des Ariovist ist uns unbekannt. Wahrscheinlich blieb er der anerkannte Führer der Swebenstämme, insbesondere der Markomannen, zwischen Main und Donau. Die Größe seines Führertums wird durch das Verhalten Cäsars bestätigt. Daß er dem größten aller Römer mit seinem zahlenmäßig unterlegenen Heere nicht gewachsen war, darf bei der Beurteilung seiner Fähigkeiten nicht die entscheidende Rolle spielen, die ihr in der bisherigen Geschichtschreibung beigewesen worden ist. Cäsar selbst bezeugt in allen seinen Darlegungen seine hohe Achtung vor dem Germanenkönig. Er schildert ihn als einen durchaus in der Geschichte und in der Politik bewanderten Mann und als einen klugen und gewandten Heerführer. Darüber hinaus zollt er dem germanischen Heerwesen hohes Lob, in Sonderheit der Reiterei, die mit ausgewählten Jünglingen zusammen zu wirken gewohnt war. Er berichtet von Manneszucht und ständigen Kriegsuebungen und straft damit alle jene Geschichtsschreiber Lügner, die glaubten die Heere unserer Vorfahren wären etwa nach der Art der Negervölker ohne Ordnung und Führung über den Feind hergefallen und hätten ihn nur durch ihre große Masse und durch ihre wilde Tapferkeit das eine oder ander Mal besiegt. Das germanische Heer hat sich schon damals in Hundert- und tausendschaften gegliedert. Die großen Schlachtkeile wurden gewöhnlich durch drei oder fünf Tausendschaften gebildet. Während im römischen Heer der Rebstock der Centurionen für die Disziplin sorgte, ruhte die Manneszucht der Germanen auf dem Ehrgefühl der Sippengenossen, die zusammen kämpften. Auf Befehl ihrer Führer vermochten unsere Vorfahren auch während der Schlacht Umgliederungen vorzunehmen, wie jene Aufteilung der Tausendschaften in kleine phalanxartige Gruppen beweist, über die Cassius Dio für die Schlacht von Mülhausen berichtet. Die Überlegenheit der germansichen Reiterei wird schon von Cäsar einwandfrei bezeugt. So erzählt er, daß 800 berittene Usipeter und Tenkterer über 5000 römisch-gallische Reiter siegten. Und es ist bekannt, daß er selbst germanische Reiter in seinen Dienst nahm und ihren überlegenen Fähigkeiten manche seiner Siege verdankte.

Die politischen Folgen

Durch seinen Sieg über Ariovist und durch die Vernichtung der Usipeter und Tenkterer, aber auch durch seine Erfolge über die germanisch-keltischen Stämme der Belgier, sicherte Cäsar die Herrschaft über Gallien den Römern. Er errichtete die neue Reichsgrenze am Rhein. Seinen Nachfolgern war es vorbehalten, sie zu festigen und jahrhundertelang gegen den Ansturm der Germanen zu behaupten. Der erste Abschnitt in dem Riesenkampf zwischen der Volksmacht des Nordens und dem Großstaat des Südens war durch das Genie Cäsars entschieden worden. Nach den “Vorpostengefechten” des Kimbern- und Teutonenzuges waren nun die beiden Großmächte unmittelbar aufeinander gestoßen. Die Spitze des gegen Südgallien gerichteten germanischen Keiles hatte Cäsar zwar eingedrückt, dafür war aber eine lange Kampffront entstanden, die sich, dem Rhein folgend, von Norden nach Süden, von der Nordsee bis zu den Alpen erstreckte. Eine Kampffront, die annähernd 500 Jahre lang das Schicksal beider Mächte bestimmte. Die Parther in Asien und die Germanen am Rhein und später an der Donau waren fortab die einzigen Gegner, die das Großreich am Mittelmeer zu füchten hatte. Und es war der Norden, dessen gesunder Volkskraft und Rasse, dessen überlegener Kampfkraft und dessen großen Führern es bestimmt war das Römerreich schließlich zu zerstören und auf den Truemmern ein neues Europa zu errichten.

Maelo, der Sigambrer

Der Sieg über Lollius

“Schwere und schimpfliche Niederlagen hat der Kaiser (Augustus)-überhaupt nur zwei und nur in Germanien-erlitten, unter dem Kommando des Lollius und unter dem des Varus…” So lautet das Urteil des römischen Geschichtsschreibers C. Suetonius Tranquillus, der im Jahre 131 n. d. Ztr. starb und durch seine Cäsarenbiographien, die im allgemeinen als zuverlässig gelten können, sich einen Namen gemacht hat. Der Bürgerkrieg im römischen Reich war seit Jahren beendet. Octavian, der Adoptivsohn des großen Cäsars, hatte seinen Gegner Antonius vernichtet und war am 16. Januar 27 v. d. Ztr. vom Senat mit dem neuen Weihenamen “Augustus” (der Erlauchte) geehrt worden. Unter diesem Namen ist er als Kaiser Augustus in die Gechichte eingegangen. An den Grenzen des römischen Reiches standen nur zwei Feinde, die von Bedeutung waren, die Parther in Asien und die Germanen in Europa. Aber beide schienen den römischen Waffen nicht gewachsen zu sein. Wohl waren germanische Tausendschaften von dem Großstamm oder Stammbund der Sweben im Jahre 29 v. d. Ztr. über den Rhein gegangen. Aber die Legionen hatten sie zurückgeworfen. Auch in den Jahren darauf waren die Römer in den Kämpfen am Rhein siegreich geblieben. Von Norden her schien also dem Reich keine erste Gefahr zu drohen. Da erreichte im Jahre 16 v. d. Ztr. den Kaiser die Nachricht, daß sein General M. Lollius in Gallien von dem germanischen Stamm der Sigambrer geschlagen worden war, und daß in der Schlacht der Adler (das Feldzeichen) der 5. Legion verlorengegangen war. Wer war der germanische Führer, der diesen Sieg errang? Eine Quelle nennt seinen Namen, das “Monumentum Ancyranum”. Es war der Sigambrerfürst Maelo. Die Sigambrer waren in jenen letzten Jahrzehnten vor der Zeitrechnung der mächtigste und führende Germanenstamm am Rhein. Schon Cäsar hatte mit ihnen gekämpft und nach dem Übergang über den Rhein ihr Land verwüstet. Da in den Gauen, zwischen Ruhr und Sieg, die die Sigambrer bewohnten, zahlreiche Eisenschmelzöfen aus den beiden letzten Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung in Resten gefunden worden sind, ist es nicht unwahrscheinlich, daß dort zu jener Zeit ein Zentrum der germanischen Waffenfabrikation vorhanden gewesen ist, das vielleicht schon Cäsar durch seine beiden Rheinübergänge treffen und vernichten wollte.

*

Es bestand damals auch bereits der Stammbund der Istvaeonen, dessen Name freilich erst später von den antiken Geschichtsschreibern genannt wird. Man darf ihn sich als eine Art Eidgenossenschaft der germanischen Stämme zwischen Rhein, Weser und Aller vorstellen, in der die Sigambrer führend waren. Nach der allerdings sehr lückenhaften Überlieferung sollen zunächst nur die Sigambrer mit ihren Nachbarn, den Usipetern und Tenkterern den Krieg gegen Rom erneuert haben. Sie drangen über den Rhein vor, schlugen die römische Reiterei und griffen das Heer des Lollius an, das sie gleichfalls besiegten. Nun sah sich Kaiser Augustus gezwungen, den bis dahin nur recht nebensächlichen Kriegsschauplatz am Rhein stärker zu beachten. Er entstandte zunächst den Prinzen Drusus Germanicus den Älteren nach Norden, wo sich der Prinz bald als ein Feldherr von überragenden Fähigkeiten erwies. Er überwältigte, wie die römischen Schriftsteller melden, “äußert tapfere Stämme, denen die Natur Kräfte und die Gewohnheit Übung ihrer Kräfte verliehen hatte: die Cherusker, Sweben und Sigambrer zusammen in einem einzigen Kriege, der aber auch für Rom blutig war”. Als mit den Sigambrern im Bunde werden alle ihre Nachbarstämme, darunter auch die Chatten, genannt. Die Eidgenossenschaft, die sie führten, wurde unmittelbar von Kaiser Augustus sogar als eine Art Großstaat anerkannt, denn der Geschichtsschreiber Dio Cassius berichtet: “Aus Furcht vor den Römern schikten daher die Barbaren (Germanen) mit Ausnahme der Sigambrer Gesandte mit Friedensangeboten, doch – damals so gut wie später – ohne jeden Erfolg. Denn Augustus weigerte sich, mit ihnen ohne die Sigambrer Verträge zu schließen. Es hatten nämlich auch diese Gesandte geschickt, aber statt irgend etwas zu erreichen, fanden sie sämtlich, eine große Anzahl angesehener Männer, der Tod. Augustus ließ sie nämlich festnehmen und in gewisse Städte in Gewahrsam bringen…”

Diese Mitteilung besagt nichts anderes, als daß nach einem vieljährigen Kriege im Jahre 8. v. d. Ztr. die Eidgenossenschaft der Istvaeonen zum Frieden bereit war. Da in dieser Eidgenossenschaft nach germanischer Sitte jeder Stamm eine äußerst weitgehende Selbstverwaltung und Selbstbestimmung hatte, entsandte jeder der Stämme Friedensunterhändler. Kaiser Augustus aber wollte nicht mit der Eidgenossenschaft Verträge schließen, sondern nach dem römischen Grundsatz “divide et impera” (teilte und herrsche) jeden Einzeltsamm unterwerfen. Deshalb ließ er die Gesandten des die Eidgenossenschaft führenden Stammes der Sigambrer festnehmen und nach Gallien in Gewahrsam bringen. Durch diese Meintat erhielt er den gesuchten Rechtsgrung, um einen Frieden mit der Eidgenossenschaft als einem politischen Großgebilde abzulehnen und die Einzelstämme zur Unterwerfung oder zum Frieden zu zwingen. Mittelbar aber hat er uns durch seine völkerrechtswidrige Handlung die Eidgenossenschaft als politische Einheit bezeugt. Maelo ist gewiß ein tapferer und geschickter Heerführer gewesen, wie sein Sieg beweist. Aber er war nicht Staatsmann genug, um zu erkennen, daß er eines ganz anderen politischen Willens bedurfte, und daß eine Neuordnung des germanischen Heerwesens nötig war, um den Römern gewachsen zu sein. Nach beachtlichen Anfangserfolgen unterlag er und mußte sich dem Kaiser unterwerfen. Erst sein größerer Nachfolger Arminius, der Eherusker, verfügte über die überlegenen Kräfte des Geistes und der Seele, die nötig waren, dem Vormarsch der Legionen nach Osten Einhalt zu gebieten. Immerhin verdient der Heldenkampf des Maelo und seines Stammes Achtung und Anerkennung. Jahrzehntelang haben die Sigambrer die Hauptlast des Krieges am Rhein getragen, bis sie dadurch so erschöpft waren, daß der Stamm seine machtpolitische Bedeutung verlor. Der Glanz seines Namens aber hat sich noch bis in die Zeit der geschichtlichen Völkerwanderung hinein erhalten. Dafür zeugen die Worte, mit denen der Frankenkönig Chlodwig (um 500 uns. Ztr.) getauft wurde: “Neige dein Haupt, stolzer Sigambrer. Bete an, was du verbrannt hast, und verbrenne, was du angebetet hast.”

Arminius, der Befreier Germaniens

 Das Ziel des römischen Kaisers

Durch die germanischen Gaue zwischen Rhein und Weser marschieren Jahr für Jahr die Legionen. Kaiser Augustus hat seinen Feldherren befohlen, alles Land und alle Völker bis zur Elbe zu unterwerfen oder durch Freundschafts- und Bündnisverträge an Rom zu fesseln. Die Reichsgrenze soll vom Rhein an die Elbe verlegt werden.

Der Wille des Kaisers ist Gesetz. Drufus Germanicus der Aeltere befehligt am Rhein Heer und Flotte. Durch Freundschafts- und Bündnisverträge sichert er sich die Seegermanenstämme, die Friesen und die Chauken. Seine Flotte segelt zwischen den Inseln und der Küste, das offene Meer nach Möglichkeit vermeidend, bis zur Elbe. Den Seegermanen kommt ein Freundschaftsvertrag mit den Römern durchaus gelegen. Nicht, daß ihnen die römische Flotte sonderliche Achtung einflößt. Die viel zu breit- und hochgebauten Schiffe der Südländer sind zu schwerfällig. Sie müssen jeden stärkeren Sturm in der Nordsee fürchten, darum kriechen sie auch nur zwischen den Inseln hindurch und an der Küste entlang. Die Friesen und Chauken sind gewohnt, auf ihren langen schmalen Ruderschiffen über die wogende See zu fahren; sie scheuen den Sturm nicht; er ist ihnen Lust und Erprobung ihrer Kraft. Wenn sie dennoch die Verträge mit dem Feldherrn Drufus schließen, so nur, weil der Handel zwischen dem großen Südreich, das Gallien längst in sich eingefügt hat, und dem Norden recht einträglich ist. Dieser Handel geht über See leichter und schneller als zu Lande. Die friesischen Fischer sehen es auch nicht ungern, wenn römische Kaufleute ihnen den Ertrag ihrer Tätigkeit, die gefangenen Fische, abnehmen. Die Legionen, die in ihren Kastellen am Rhein liegen, sind starke Esser. Zum Bündnis gehört, daß man Hilfstruppen stellt. Warum sollen die Friesen und Chauken ihrer Jungmannschaft nicht die Möglichkeit lassen, sich in der Schlacht zu tummeln und im  Schwertkampf zu bewähren? Stellten doch die stammverwandten Balaver, die an der Rheinmündung wohnen, dem römischen Kaiser auch ihre Hundertschaften zur Verfügung.

Durch seine kluge Politik hatte Drufus der Ältere ohne Schwertstreich die Küstenlande vom Rhein bis zur Elbe gewonnen. Die Treue der Germanen ist selbst im Rom sprichwörtlich. Darum kann man den Hilfstruppen, die die Seegermannen stellen, durchaus vertrauen.

Advertisements