Fürsten und Könige

Die Kämpfe an Rhein und Donau

Civilis und Brinno

Arminius war gewiß der größte aller germanischen Führer vor Beginn der geschichtlichen Völkerwanderung. Aber wie es vor ihm große Volksführer bei unseren Vorfahren gab, so auch nach ihm. Ihre Namen werden freilich durch seinen Glanz verdunkelt. Die Lückenhaftigkeit der antiken Berichte tut das ihre dazu. So sind nur bei wenigen germanischen Fürsten des ersten bis vierten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung Ansatzpunkte für eine Untersuchung ihrer Fähigkeiten und Taten gegeben. Es mag also an dem Erhaltungszustand der Schriften des Tacitus liegen, daß uns als Namen von Klang nach Arminius erst die des Führers der linksrheinlichen Batavar Civilis und des ihrer nördlichen Nachbarn, der Canninefaten, Brinno bekannt sind. Im Jahre 68 uns. Ztr. endet Kaiser Nero durch Selbstmord. Im Jahre darauf kämpfen vier Kaiser miteinander um die Herrschaft über die antike Welt: Galba, Otho, Vitellius und Vespasian. Diese Gelegenheit benutzt der Führer der Bataverkohorten, Civilis – wir kennen nur seinen römischen Namen -, um einen Freiheitskampf seines Stammes und der benachbarten Canninefaten zu versuchen. Die Bataver und ihre Nachbarn sind niemals von Rom unterworfen worden. Wahrscheinlich hat schon Drufus der Ältere mit ihnen ein Freundschaftsbündnis abgeschlossen, demzufolge die Bataver ein Hilfskorps von 10 000 Mann, darunter 1000 Reiter, stellten. Die Truppe wurde ausschließlich von Männern des eigenen Stammes – also von Batavern – befehligt. Sie nahm eine Sonderstellung im römischen Heere ein, und zwar nicht nur wegen ihrer Tapferkeit, sondern auch wegen der Schwinnkünste der Bataver, die nicht selten zur Entscheidung eines Kampfes führten. Civilis war unter der falschen Behauptung aufrührerischer Absichten während der Regierung Neros verhaftet worden. Neros Nachfolger, Galba, hatte ihn aber freigesprochen. Unter Vitellius war er wieder in Lebensgefahr geraten, da das römische Heer seinen Tod forderte. Kein Wunder, daß der Führer der Bataverkohorten die Partei des Gegenkaisers, Vespian, nahm, oder sich wenigstens den Anschein gab, als ob er es täte. Tatsächlich erstrebe er wohl von Anfang an die Freiheit seines Stammes. Er war, wie der Bataverkrieg beweist, ein befähigter, wenn auch kein überragender Feldherr und Volksführer. Was ihm an staatsmännischem Können fehlte, versuchte er durch kluge Diplomatie zu ersetzen. Es gelang ihm tatsächlich auch, die römischen Gegenspieler eine Zeit lang über seine Absichten im Unklaren zu lassen. Der Sieg Vespasians über Vitellius zwang ihn aber, Farbe zu bekennen und seinen Freiheitskrieg offen weiterzuführen. Sein treuester Bundesgenosse war der Führer der Canninesaten. Brinno, “ein Mann, ebenso unklug wie verwegen, aus einem hochangesehenen Geschlecht”. Dies Urteil des Tacitus dürfte zutreffen, wenn man das Wörtchen “unklug” streicht. Brinno war offentlich der Befehlshaber der Flotte beider Stämme auf dem Rhein und in der Nordsee, ein Seekönig also, der auf dem Meere eine ähnliche Leistung vollbrachte, wie der große Cherusker Arminius auf dem Lande.

Die römische Flotte, die teils auf dem Rhein, teils in Britannien stationert war, hat niemals eine sonderliche Rolle in den Kämpfen zwischen Römern und Germanen gespielt. Sie diente eigentlich nur dem Transport von Truppen, aber sie war immerhin vorhanden und wurde in dem Freiheitskrieg der beiden Stämme wichtig, denn ihre Niederlagen und ihr Versagen brachten die letzte Entscheidung. Der Kern der Bataver wohnte auf den durch die Mündungsarme des Rheins gebildeten Inseln. Nur mit einer überlegenen Flotte konnten also die Legionen der Bataver Herr werden. Das galt noch viel mehr von dem Kampf gegen die nördlich davon im heutigen Nordholland seßhaften Canninefaten. Civilis und Brinno hatten in ihrem Freiheitskampf zu Wasser und zu Lande zunächst beträchliche Erfolge. Alle nördlich von Mainz stehenden Legionen wurden teils mit Waffen, teils mit anderen Mitteln außer Gefecht gesetzt. Da auch mehrere gallische Stämme sich empörten, und die östlich des Rheins lebenden freien Germanen unter dem Einfluß der Seherin Veleda Hilfstruppen schickten, schien der Freiheitskampf zu glücken. Als aber ein ebenso fähiger wie leichsinniger General, Petilius Cerialis, den Oberbefehl über die neuen sechs Legionen übernahm, die der Kaiser aus sandte, da wandte sich das Blatt, zumal die Gallier, die sich mit den Germanen verbündet hatten, wieder einmal ihre Unzuverlässigkeit unter Beweis stellten. Im Laufe eines Jahres (70 uns. Ztr.) wurden die Bataver überall zurückgedrängt und mußten schließlich ihre eigene Heimat verteidigen.

Die Seeschlacht in der Nordsee

Nun brachte der Seekönig Brinno mit seiner Flotte die Entscheidung zugunsten der Bataver. Er hatte bereits vorher die aus Britannien heranfegelnde römische Flotte in der einzigen, uns bekanntgewordenen frühgeschlichtlichen Seeschlacht zwischen Germanen und Römern in der Nordsee vollständig geschlagen und damit eine Tat vollbracht, die mit jener des großen Cheruskers Arminius verglichen werden kann. Die Germanen waren bis zu jener Schlacht nicht die alleinigen Herren auf dem Meere gewesen. Unter der Führung des Gannascus waren einige Jahrzehnte vorher die an der Nordseeküste zwischen Elbe und Weser wohnenden Chauken in der römischen Provinz Niedergermanien eingefallen und hatten von der See aus mit ihren leichten Schiffen sogar die gallische Küste heimgesucht, waren dann aber unter Mitwirkung der römischen Flotte wieder vertrieben worden. Nach dem Sieg über die britannische Flotte waren die Germanen nun die unbeschränkten Herrscher im Nordmeer. Nie wieder hat eine römische Flotte dort  irgendeine Rolle gespielt. Befreite Arminius durch seine Siege über die Legionen Westgermanien vor der drohenden Herrschaft der Römer, so sicherte Brinno durch die Vernichtung der römischen Seeschiffe die germanische Überlegenheit auf dem Meer. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus gibt diese Niederlage mit den Worten zu: “Die (römische) Flotte aber griffen die Canninefaten ihrerseits an, die größere Hälfte der Schiffe wurde von ihnen versenkt oder gekapert.” Die unmittelbare Folge dieses Sieges zur See war ein Sieg der Canninefaten zu Lande über das Heer der Nervier, eines belgischen Stammes, der auf der Seite der Römer kämpfte. Auch auf dem Rhein war die von Brinno geführte Flotte der römischen überlegen. Nach einer unglücklichen Schlacht sicherte sie den Batavern den Übergang über den Rhein. Die römische Flotte wagte es nicht, einzugreifen. Die wichtig und entscheidend die Hilfeleistung war, geht aus dem Urteil des Taxitus hervor, der sagt. Der Krieg wäre an diesem Tage zu Ende gewesen, wenn die römische Flotte sie (die Germanen) sofort verfolgt hätte.” Wenige Wochen später wiederholte sich der Vorgang. Nach einigen kleinen Erfolgen mußten die Bataver wieder über den Strom zurück, wobei sie von ihren Schiffen gedeckt wurden. “Selbst damals nahm die römische Flotte”, berichtet Tacitus, “nicht am Kampfe teil, wie es doch befohlen war, denn es lähmte sie die Angst…” Brinno beschränkte sich jedoch nicht nur auf derartige Hilfeleistungen, sondern griff mit seinen Schiffen mehrfach an. Dabei wurde u. a. das römische Admiralschiff erobert. An der Mündung der Maas in den Rhein kam es schließlich zu einer zweiten Seeschlacht, die, wenn man den sehr vorsichtigen Bericht des Tacitus richtig liest, mit einem neuen Sieg der Germanen endete, denn die römische Flotte verließ den Kampfplatz.

Über den Ausgang des Freiheitskampfes der Bataver und Canninefaten wissen wir sehr wenig, aber aus dem wenigen geht doch hervor, daß die Römer, weil sie gegen die Überlegenheit der germanischen Flotte ohnmächtig waren, einen Frieden schließen mußten, der den beiden Stämmen ihre alte Stellung als Bundesgenossen sicherte. Der Seekönig Brinno hat es also zuwege gebracht, daß das römische Weltreich und sein Kaiserr mit den beiden Führern kleiner germanischer Stämmer wie mit gleichgestallten verhandeln und Frieden schließen mußten.

Ariogais und Ballomar

Nahezu ein Jahrhundert vergeht, in dem die römischen Geschichtsschreiber uns keine irgendwie bedeutsamen Namen germanischer Führer nennen. Dann aber kommt es zu einem vierzehnjährigen Krieg, der das Weltreich fast bis an den Rand des Abgrundes führt (166-180).

Zum erstenmal nach dem Einfall der Kimbern stehen germanische Tausendschaften in Italien, dringen bis vor die Mauern der Stadt Aquileja (westlich des heutigen Triest) vor und erstürmen das dicht dabeiliegende Opitergium (das heutige Oderzo). Es sind  die germanischen Stämme der Markomannen und  Quaden, die im Bumde mit nichtgermanischen Völkerstämmen, vor allem mit den Jazygen, das Kaiserreich angreifen.

Rom war damals durch den Krieg mit den asiatischen Parthern und durch das Wüten einer Pest schwer geschwächt. Aber auf dem Thron saß ein edler und wackrer Mann, der Kaiser Marc Aurel, der mehr noch als Philosoph denn als Staatsmann und Feldherr bekannt geworden ist.

Die Führer auf germanischer Seite waren der Markomannenkönig Ballomar und der Quadenkönig Ariogais. Die beiden in Böhmen und Mähren seßhaften Stämme gehörten zu dem großen Stammbund der Sweben oder Irminonen, dessen Gebiet sich zwischen Elbe und Oder, dann der Saale folgend nach Süddeutschland bis zur Donau erstreckte.

Der Krieg wurde offenbar gleich von Anfang an von diesem Stammbund und nicht nur von den Markomannen und Quaden allein geführt, denn die römischen Berichterstatter geben an, daß Truppen der Langobarden, Obier, Varisten, Hermonduren (der späteren Thüringer) und anderer swebischen Stämme an den Kämpfen teilgenommen haben. Nur so ist auch zu erklären, daß die Germanen in Böhmen und Mähren vierzehn Jahre lang den immer wiederholten Angriffen der römischen Heere Trotz bieten konnten.

Zweimal besiegten Ballomar und Ariogais römische Heere, und zwar den Gardegeneral Furius Victorinus und den General Marcus Vinder. Aber immer wieder gelang es dem Kaiser über die Donau nach Norden vorzudringen. Freilich mußte er, um diesen Krieg durchführen zu können, die letzten Kräfte des römischen Reiches einsetzen, sogar Räuber zu Soldaten machen, und den Besitz des kaiserlichen Hauses an Kostbarkeiten und Kunstwerken verkaufen.

Die römischen kriegsberichte sind sehr widerspruchsvoll und undurchsichtig, aber sie lassen doch erkennen, daß zunächst Ariogais die Seele des Kampfes gewesen ist. Kaiser Marc Aurel hielt den germanischen Führer für so gefährlich, daß er auf seinen Kopf einen Preis von 1000 Goldstücken aussetzte, was einem heutigen Werk von etwa einer halben Million entspricht. Dieser Kopfpreis ist deshalb um so bemerkenswerter, als Marc Aurel gegen keinen anderen seiner Feinde eine solche Maßnahme angewandt hat. Ariogais geriet während des Krieges in römische Gefangenschaft und wurde vom Kaiser nach Alexandria verbannt.

Nun führte Ballomar den Krieg weiter und erreichte schließlich einen Frieden, in dem die Römer die Hälfte jenes Landstriches an die Germanen abgaben, den sie bis dahin nördlich der Donau als Grenzsicherung wüst hatten liegen lassen.

Die Wandalenkönige

Wenn auch der Markomannenkrieg noch keine Entscheidung in dem großen, rund fünfhundertjährigen Kampfe zwischen den Germanen und den Römern brachte, so löste er doch eine Bewegung germanischer Stämme aus, die für die folgenden Jahrhunderte bestimmend war.

Im unmittelbaren Zusammenhang mit den Kämpfen an der Donau eroberten die Wandalenkönige Ra und Rapt das Theißland (das heutige Ungarn).

Die Wandalen waren um 100 v. d. Ztr. von Nordjüdland nach Süden gewandert und hatten sich zwischen Oder und Weichsel südlich von Netze und Warthe ein großes Reich gegründet. Sie erhielten ständig Zuzug aus dem Norden und waren schließlich so stark geworden, daß sie Neuland erobern mußten. Die Könige Ra und Rapt benutzen nun die Gelegenheit, die ihnen der Markomannenkrieg bot, um die Grenzen ihres Reiches nach Süden zu erweitern. Dabei fielen sie auch in die römische Provinz Dacien ein. Zum erstenmal standen sich nun wandalische Hundertschaften und römische Kohorten gegenüber. Nach den Berichten sollen die Römer gesiegt haben, aber merkwürdigerweise trat der Kaiser den Wandalenkönigen das Land an der Theiß ab und zahlte ihnen noch Geld, woraus hervorgeht, daß die Germanen Sieger geblieben sein müssen.

Die Gotenkönige

Zu der Zeit des Markomannenkrieges, etwa um 170 uns. Ztr. zogen die Goten unter ihrem König Filimer nach Südrußland und gründeten an den Ufern des Schwarzen Meeres ein Reich, das seine Grenzen bald nach allen Richtungen weit ausdehnte. Die Goten waren im Beginn unserer Zeitrechnung aus ihrer alten Heimat in Mittelschweden und der Insel Gotland zu einem Teil ausgewandert, hatten sich an der Mündung der Weichsel niedergelassen, und als ihnen diese neue Heimat zu eng geworden war, zogen sie nach Südrußland. Es ist nicht bekannt, ob diese von Filimer geführte Wanderung mit dem Markomannenkrieg zusammenhängt, aber es bleibt auffallend, daß sie zur selben Zeit geschah. In ihren neuen Wohnsitzen waren die Goten nun Nachbarn der Römer geworden. Es kam sehr bald zu Kämpfen an der Donau. Der Gotenkönig Ostrogotha drang über die Donau vor und verheerte die römischen Provinzen Mösien und Thrakien. Der Kaiser mußte schließlich den Frieden durch Geld erkaufen, aber dieser Friede war nicht von Dauer.

Kniva

Um 250 herrsche König Kniva über die Goten. Er ist einer der hervorragendsten frühgermanischen Führer gewesen. Damals behaupten die Römer noch die nördlich der Donau gelegene Provinz Dacien. Wie eine mächtige Festung lag sie in dem nun schon von germanischen Stämmern beherrschen Gebiet und trennte die Wandalen von den Goten. Wenn die germanische Front gegen das Kaiserreich geschlossen werden sollte – eine Front, die sich von der Nordsee, dem Rhein folgend nach Süden und dann der Donau nach Osten folgend bis zum Schwarzen Meer erstreckte -, dann mußte Dacien erobert werden. Solange das Land noch römisch war und die Goten ebenso wie die Wandalen von der Flanke her bedrohte, konnte die Entscheidung in dem Ringen zwischen der Großmacht des Nordens, dem Germanenvolk, und der des Südens, dem römischen Reich, nicht fallen. Das hat König Kniva mit überragendem staatsmänischen Blick erkannt. Sein Kriegsziel war wohl die Eroberung dieser Provinz. Es gab zwei Wege um dieses Ziel zu erreichen. Kniva konnte entweder in Dacien einfallen und dort die Entscheidung suchen, oder über die Donau gehen und die Römer auf dem Balkan angreifen. Wählte er den ersten Weg, dann mußte er damit rechnen, daß der Kaiser genügend Zeit hatte, um aus allen Teilen seines Reiches die verfügbaren Truppen zu sammeln und heranzuführen. Es wäre zu einem ähnlichen Kampf gekommen, wie ein Jahrhundert früher zwischen Ballomar und Marc Aurel. Wählte der Gotenkönig aber den zweiten Weg, ging er über die Donau, ohne vorher Dacien zu erobern, dann griff er den Kaiser zwar unmittelbar an, aber er hatte dann nicht nur ein römisches Heer vor sich, sondern es standen auch die in Dacien liegenden Legionen in seinem Rücken. Ein Vorstoß über die Donau war also viel gefährlicher, versprach jedoch den größeren Erfolg, weil er den Kaiser zwang, sich mit den verfügbaren Truppen sofort zum Kampf zu stellen und ihm die Zeit nahm, Legionen aus weiter entfernten Reichsteilen heranzuziehen. Es ist für die Größe dieses germanischen Führers bezeichnend, daß er nicht zögerte, den gefährlicheren Weg zu gehen. Im Jahre 249 überschritt also Kniva die Donau und belagerte Marcianopel. Als der römische Kaier Decius, wie erwartet, zum Entsatz heranrückte, wich der Gotenkönig nicht etwa über die Donau zurück, sondern zog nach Süden über das Balkangebirge und lockte den Kaiser durch ein scheinbar verlorenes Gefecht hinter sich her. Kaum hatten die Römer das Gebirge überschritten, als sie von den Goten angegriffen und vernichtet wurden. Diese schwerwiegende Niederlage zwang den Kaiser Decius, die in Dacien stehenden Legionen heranzuziehen. Damit aber hatte Kniva erreicht, was er beabsichtigte. Die Provinz lag ohne Besatzung dem Einfall der Goten offen, wenn auch dieses zweite römische Heer völlig geschlagen wurde. Der König hatte inzwischen die Stadt Philippopel erobert. Als der Kaiser mit seinem neuen Heere herankam, zog er sich nun zur Donau zurück und lockte Decius in ein Sumpfgelände hinein, in dem er die Legionen vernichtend schlug. Der Kaiser und sein Sohn fanden dabei den Tod. Kniva ging über den Strom und bald darauf hatten die Goten Dacien erobert. Der Nachfolger des Kaisers Decius wagte es nicht, den Krieg weiterzuführen; er schloß sofort mit Kniva Frieden und zahlte ihm jährlich Tribute.

Ermanarich

Etwa hundert Jahre später, um 350, wurde Ermanarich aus dem Geschlecht der Amaler König der Ostgoten. Der gotische Stamm hatte sich schon seit einiger Zeit in die Ostgoten und die Westgoten gegliedert. Das Reich der Ostgoten lag in Südrußland, das der Westgoten im heutigen Rumänien. Ermanarich dehnte sein Reich über fast ganz Rußland aus. Er herrschte von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer und vom Dnjester bis zur Wolga und zum Ural. man verglich ihn damals mit Alexander dem Großen, denn er unterwarf eine Unzahl von Völkerstämmen, darunter auch die Slawen und Aisten. Diese außerordentlichen Erfolge wurden ihm zum Verhängnis. Die Ostgoten waren nicht zahlreich genug, um das weite Rußland auf die Dauer zu beherrschen. Hatten bis dahin die Fußtruppen die Hauptmacht der germanischen Heere gebildet, so sah sich Ermanarich gezwungen, seine wehrfähigen Männer zu Reitern zu machen, denn nur Reiter konnten die ungeheuren Strecken so rasch, wie es nötig war, überwinden. Bei allen germanischen Stämmen bildete damals immer noch das bodenverwurzelte Bauerntum die unerschöpfliche Quelle ihrer Kraft. Die Ostgoten aber waren durch die Siege ihres Königs über die in Rußland lebenden Völker vom Bauern zum Großgrundbesitzer, der seinen Acker nicht mehr selbst bebaute, sondern durch Hörige bewirtschaften ließ “aufgestiegen”. Die wehrhaften Männer mußten fast ständig Kriegsdienste tun, wenn Ermanarich die Herrschaft in seinem Reiche behaupten wollte. Als nun zwischen 370 und 375 ein bis dahin  unbekanntes Volk, die Hunnen, aus Asien hervorbrachen, konnte Ermanarich seine über das ganze weite Land verteilten Streitkräfte nicht rechtzeitig zusammenziehen. Er mußte mit unzureichenden Kräften den Hunnen zur Schlacht stellen und wurde besiegt. Der alte Recke – eer soll über 100 Jahre alt gewesen sein – gab sich unter dem Eindruck der Niederlage selbst den Tod. Sein Reich brach zusammen, aber sein Volk erlebte unter dem großen Theoderich, dem Dietrich von Bern der deutschen Sage, mehr als hundert Jahre später eine neue, glanzvolle Blüte.

Die Herzöge der Alamannen

Die Umbildung der großen Stammbünde

Im 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung gliederte sich ein großer Teil des Germanenvolkes neu. Die alten großen Stammbundstaaten der Ingwäonen, Istwäonen und Irminonen lösten sich auf und an ihrer stelle kam es zu neuen Zusammenschlüssen und zu neuen großräumigen politischen, also auch staatlichen Bildungen und Bindungen. Sie waren in erster Linie eine Folge des nun schon über 200jährigen Grenzlandkampfes am Rhein und an der Donau. Die ständigen Kämpfe hatten den dort lebenden Stämmen eine besondere Gemeinsamkeit ihres Schicksales und ein eigenes Erlebnis der besonderen Zusammenhörigkeit gebracht. Schon um etwa 200 bildete sich in Süddeutschland aus den swebischen Stämmen der Bund der Alamannen. Zu ihm stießen im 3. und 4. Jahrhundert ständig neue germanische Scharen, die aus dem Norden kamen. Der Kern der Alamannen wurde von den Semnonen , die vorher in der Mark Brandenburg gelebt hatten, gebildet. Neuere Ausgrabungen haben bewiesen, daß die alten Nachrichten über die Bildung der Alamannen richtig sind, denn zahlreiche Gräbenfelder zwischen Elbe und Oder brechen im 3. Jahrhundert ab, was auf eine Abwanderung der Bewohner schließen läßt. Ferner wurden Siedlungen ausgegraben, die gleichfalls um diese Zeit verlassen worden sind. Am Rhein, nördlich von Mainz bis nahe der Mündung des Stromes, bildete sich aus den dort wohnenden Stämmen der Bund der Franken. Sein Name wird gleichfalls schon im 3. Jahrhundert von den römischen Berichterstattern genannt. Die im Hinterland wohnenden Stämme der alten Stammbünde blieben teils selbständig, wie die Friesen oder Langobarden, teils wurden sie zu neuen Großbildungen zusammengeschlossen. So entstanden damals die Sachsen und wenig später die Thüringer. Die weiter östlich lebenden Stämme blieben selbständig. Das gilt zunächst von den Markomannen und Quaden, die von nun an losgelöst von den alten Bindungen ein Eigenleben führten, dann aber auch von den ostgermanischen Wandalen, Burgundern, Rugiern und Goten.

 Der Durchbruch durch den Limes

Während uns fränkische Führer von größeren Ausmaßen erst vom 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, also von Beginn der historischen Bölkerwanderung ab, bekannt sind, nennen die römischen Berichterstatter die Namen einiger Alamannischer Herzöge und Fürsten, die es durchaus verdient haben, der Nachwelt überliefert zu werden. Die Alamannen mußten zunächst die römischen Befestigungen und Kastelle – den Limes -, jene Festungslinie, die den westlichen und südlichen Teil des heutigen Württembergs sowie Badens schützten, bezwingen. Um 260 gelang es, den Limes zu durchbrechen und alles Land bis zum Rhein zu besetzen. Die Alamannen waren damals so stark und mächtig, daß sie sogar über die Alpen nach Italien vorstoßen konnten. Im Jahre 270 siegten sie dort über die römischen Truppen in der Schlacht bei Placentia. Nun waren die Römer zum erstenmal seit vielen Jahrhunderten bezwungen, ihre Stadt Rom gegen einen auswärtigen Feind aufs neue zu befestigen. Dem Kaiser Aurelian gelang es schließlich, die Alamannen wieder aus Italien herauszuwerfen. Wer die großen Führer dieses neuen Stammbundes zu jener Zeit gewesen sind, wissen wir nicht, aber der Durchbruch durch den Limes, die Landnahme aller Gaue bis zum Rhein, der Zug über die Alpen und der Vorstoß nach Italien beweisen, daß diese Führer hervorragende Fähigkeiten gehabt haben müssen.

 Ehnodomar

Fast hundert Jahre schweigen die Quellen. Dann werden uns Namen alamannischer Herzöge genannt. Um 350 uns. Ztr. führte der hervorragende Römer Julian die römischen Heere in Gallien und am Rhein. Die Alamannen waren damals schon über den Strom nach Westen vorgestoßen, hatten zahlreiche Städte erobert, darunter Staßburg, Spyer, Worms und Mainz, und hatten sich im Elsaß niedergelassen. Ihr oberster Führer war der König Ehnodomar. Er hatte die Eroberung und Besetzung westlich des Rheines mit Umsicht und Tatkraft geleitet, war über den Marschall Barbatio und den Cäsar Decentius siegreich gewesen und stieß bereits weit nach Gallien vor. Da trat ihm Julian mit einem neuen kriegsgeübten Heere entgegen. Es kam 357 zu der Schlacht bei Straßburg, in der die Römer siegten. Die sehr ausführliche Schilderung dieser Schlacht, die uns erhalten geblieben ist, beweist, daß der Kampf außerordentlich schwer war und daß die Alamannen zunächst erfolgreich fochten. Nur das Eingreifen der germanischen Hilfstruppen, der Bataver, brachte den Römern den Sieg. Es kämpften, wie in jenen Jahrhunderten überwiegend, nicht mehr in erster Linie Römer gegen die Germanen, sondern germanische Hilfstruppen und Söldner ihre freien Volksgenossen. Der Sieg bei Straßburg war also ein Sieg von Germanen über Germanen. König Ehnodomar und seine engere Gefolgschaft, etwa 200 Männer, mußten sich dem feindlichen Feldherrn ergeben. Der König wurde nach Rom gebracht und starb dort an der Schlafsucht. Wenn er auch keinen dauernden Erfolg gehabt hat, so war er doch einer der gefährlichsten Feinde des römischen Reiches und die von ihm geführten Kriege banden so starke Truppenmassen in Gallien und am Rhein, daß die Front an der Donau und am Schwarzen Meer in den darauf folgenden Jahrzehnten von den Goten durchbrochen und aufgerollt werden konnte.

Vadomar und Macrian

Nach Ehnodomar führte der Alamannenfürst Badomar den Krieg gegen die Römer weiter. Er siegte in mehreren Gefechten und wurde den Römern so gefährlich, daß sie ihn mit List über den Rhein lockten und, obwohl inzwischen Frieden geschlossen war, bei einem Gastmahl hinterrücks festnahmen. Die Kämpfe gingen in den folgenden Jahrzehnten weiter. Kaiser Valintinian (364-375) wurde von den Alamannen schwer geschlagen und aufs neue fiel dieser Stamm in Gallien ein. Als Führer werden Rando und Vithikab, der Sohn Vadomars, genannt. Noch einmal befestigten die Römer die Rheinlinie mit Kastellen und Türmen, aber immer häufiger gingen die Alamannen über den Strom, nun geführt von ihrem König Macrian. Diesen offenbar äußerst fähigen Mann konnten die Römer nicht mehr  besiegen. Sie mußten mit ihm einen Frieden schließen, der den Alamannen ihre Eroberungen sicherte. Inzwischen hatte die geschichtliche Völkerwanderung bereits begonnen. Ein Teil der Westgoten unter ihrem Führer Frithigern war über die Donau gegangen und setzte sich südlich dieses Stromes fest. Das römsiche Reich brach in sich selbst zusammen. Frithigern, der eine kaum geringere Rolle in der germanischen Geschichte spielte als Arminius, besiegte den Kaiser Valens entscheidend in der Schlacht von Adrainopel, i. J. 378. Sein Nachfolger in der Führung, Alarich, führte dann die Westgoten nach Italien und eroberte die Weststadt Rom.

Männer, die Geschichte machten

Die großen germanischen Führer der Frühzeit, von wenigen Ausnahmen – wie Ariovist und Arminius – abgesehen, waren bisher viel zu wenig beachtet worden. Gewiß waren nicht nur Männer darunter, die wahrhafte Geschichte machten, aber es sind doch Gestalten, auf die wir Deutsche stolz sein können, und die meist mit geringen, an der Macht des Römerreichs gemessen, durchaus schwachen Kräften zu ihrer Zeit außerordentlich viel leisteten.

Den swebischen Führern, Ariovist mit eingeschlossen, verdanken wir Deutsche den Besitz Süddeutschlands, das im Mittelalter lange Zeit hindurch das Kernland der deutschen Entwicklung gewesen ist.

Über den großen Arminius braucht kein Wort weiter gesagt zu werden. Seine Tat, die Befreiung Germaniens von der drohenden römischen Herrschaft, ist niemals bestritten worden.

Die Könige der Markomannen haben verhindert, daß die Römer ihre Macht über die Donau nach Norden ausdehnten. Das Wirken der Wandalen sicherte große Teile Ostdeutschlands, vor allem Schlesien, dem germanischen Einfluß. Selbst noch im Mittelalter wirkte dieser Einfluß nach.

Die Alamannen haben ebenso wie die Franken zum Zusammenbruch des Römerreiches, den die Goten vollendeten, entscheidend beigetragen. Aber auch andere germanische Stämme und ihre Führer sind am Werden des deutschen Volkes hervorragend beteiligt.

Es ist also nicht so, daß nur der eine oder der andere überragende Führer die geschichtliche Entwicklung beeinflußt hat, wir Deutsche können vielmehr auf eine geschlossene Reihe von Führerpersönlichkeiten aller germanischen Stämme zurückblicken, eine Reihe, die sich vom Mittelalter durch die Zeit der Völkerwanderung hindurch in die der Frühgeschichte und der Vorgeschichte über Jahrtausende hinweg zurückverfolgen läßt, und die beweist, daß aus nordischem Blut immer wieder und wieder überragende Männer aufwuchsten, die das Schicksal ganzer Stämme und Völker beeinflußten und in neue Bahnen lenkten.

Ende

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